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Illnau-Effretikon: Pragmatisch zur nachhaltigen Beschaffung

Keine Blumensträusse aus fernen Ländern, Papier mit Label, elektrische Kommunalfahrzeuge: Die Stadt Illnau-Effretikon hat eine Beschaffungsrichtlinie eingeführt, die seit Beginn 2021 Handlungsanweisungen und Empfehlungen für diverse Produktkategorien liefert.

Eine Stadt, vier Dörfer und neun Weiler: Illnau-Effretikon ist, eingebettet zwischen Zürich und Winterthur, flächenmässig die viertgrösste Gemeinde im Kanton Zürich. Über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt ist das malerische Schloss Kyburg, das zu den Kulturgütern nationaler Bedeutung zählt. Illnau-Effretikon und seine rund 17 500 Einwohner:innen sind eine Art «Suisse miniature», wenn es um politische Entscheide geht, denn bei den nationalen Abstimmungen repräsentieren die Resultate auffallend oft den «Schweizer Durchschnitt».

Alles andere als durchschnittlich ist die Stadt, was Nachhaltigkeit und soziales Engagement anbelangen. Seit 1998 ist die Stadt Trägerin des Labels «Energiestadt», seit vorigem Jahr sogar mit Gold-Status. Dieser wird von der Dachorganisation «Association European Energy Award» verliehen und ist denjenigen Gemeinden und Städten vorbehalten, die 75% der möglichen Energiestadt-Massnahmen umgesetzt haben.

Engagiert und nachhaltig

2019 gab eine Befragung von Solidar Suisse den Anstoss, das Thema der nachhaltigen Beschaffung vertiefter anzugehen. Die Schweizer Hilfsorganisation beurteilt im Projekt «Gemeinderating» regelmässig Gemeinden in Bezug auf ihr entwicklungspolitisches Engagement und die soziale Nachhaltigkeit in der Beschaffung. Von der maximalen möglichen Punktzahl erreichte die Stadt damals rund die Hälfte. Dazu Reto Loosli, Leiter Entsorgung und Umwelt: «Illnau-Effretikon hat zwar bei diesem Rating nicht schlecht abgeschnitten, aber wir erkannten Verbesserungsmöglichkeiten». Denn Nachhaltigkeit und soziales Engagement haben einen festen Platz in Illnau-Effretikon – regelmässig sprechen der Stadtrat und das 36-köpfige Parlament Gelder für Entwicklungsprojekte. Eines der jüngsten Beispiele sind die 50 000 Franken, die der Stadtrat als Soforthilfe für Ukraine-Flüchtlinge zur Verfügung stellt.

Loosli nahm sich dem Thema der nachhaltigen Beschaffung an, analysierte die Rahmenbedingungen und schaute dazu auch über den Tellerrand: Wie machen es andere Gemeinden bzw. Städte, z. B., die «grosse Schwester» Uster? Loosli denkt an die Anfänge des Projekts zurück: «Eine Verwaltung verbraucht z. B. viel Papier. Also fragten wir uns, welches die schädlichen Einflüsse der Papierproduktion sind und was sich dagegen tun lässt. Dabei ging es uns darum, ein pragmatisches Vorgehen für die Beschaffung zu erarbeiten.» 

Als wertvolle Unterstützung erwies sich die Plattform «Kompass Nachhaltigkeit». Die Merkblätter, Hintergrundinformationen und Praxisbeispiele der Plattform bildeten die Grundlage des ersten Entwurfs einer behördenverbindlichen Richtlinie für die nachhaltige Beschaffung. Loosli besuchte das Onlineseminar von Pusch «Nachhaltig beschaffen – sicher ausschreiben». Er und sein Projektteam schauten sich zudem intensiv auf der Website Labelinfo um und studierten die Produktlisten der Vergleichsplattform Topten.

«Kann, soll oder muss»?

Elektrofahrzeuge, Papier mit Label, LED als Standardleuchtmittel, regionale und saisonale Lebensmittel und keine importierten Blumensträusse als Geschenke: Der erste Entwurf der umfassenden Richtlinie sorgte für bei den Abteilungsleiterinnen und -leitern für Gesprächsstoff. Kann, soll oder muss ein bestimmtes Label gewählt werden? Was ist Vorschrift, was Empfehlung? Darf die nachhaltige Alternative teurer sein als Standardprodukte? Die Vernehmlassung zeigte deutlich, wie wichtig klare Formulierungen sind.

«In einigen Punkten sind wir zuerst auch über das Ziel hinausgeschossen», erinnert sich Loosli. So ging beispielsweise die Forderung, den Fleischkonsum am Mittagstisch der Schule zu reduzieren, den Betroffenen zu weit. Bei den Verantwortlichen für Grossprojekte stellte sich die Frage nach der Kompatibilität der Richtlinie mit dem übergeordneten Recht, z. B. der Submissionsverordnung. Was tun, wenn die Richtlinie auf Elektromobilität setzt, aber die Vorgaben der Gebäudeversicherung bei Feuerwehrfahrzeugen einen Dieselmotor vorschreiben? Bei der Überarbeitung des Richtlinien-Entwurfs waren in solchen Fällen pragmatische Lösungen gefragt.

Welches Papier, welches Putzmittel?

In einer ähnlichen Situation befand sich letztes Jahr die Umweltschutzbeauftragte der Gemeinde Freienbach (SZ). Nachdem die Gemeinde vor sieben Jahren bereits soziale Kriterien für die Beschaffung einführte, erarbeitete Barbara Darani 2019 mit Unterstützung eines Fachbüros deren ökologische Ergänzung. Standards waren auch hier ein wichtiger Anhaltspunkt. Um die passenden Labels herauszufiltern, musste Darani insbesondere die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen: «Wir haben zwei relativ grosse Pflegezentren in unserer Gemeinde. Viele der zu beschaffenden Produkte, wie zum Beispiel Textilien oder Reinigungsmittel, müssen je nach Einsatzort bereits strengen Hygiene- und Gesundheitsanforderungen gerecht werden.» Bei weniger heiklen Produkten wie Papier oder Bürogeräten ist die Sache einfacher: Anerkannte Standards seien hier bereits gut etabliert, so Darani.

Futuristische Kommunalfahrzeuge

Nachdem die Richtlinie fertiggestellt war, galt es, sie «an die Leute zu bringen». Eine Informationsveranstaltung – bei der auch der Stadtschreiber anwesend war – für die Verwaltungsangestellten im Stadthaussaal fand grossen Anklang. Die zahlreichen spannenden Fragen bewiesen das grosse Interesse für die nachhaltige Beschaffung.

Mit der Bewilligung des Dokuments machte der Gesamtstadtrat deutlich, dass das Thema auf politischer Ebene grosse Unterstützung erfährt. Diese erachtet Loosli als unabdingbar, denn schliesslich seien bei gewissen Produktegruppen Mehrkosten zu bewilligen. Weitere wichtige Aspekte für den Erfolg der Richtlinie sind die Schulung des zuständigen Personals und der regelmässige Austausch aller Beteiligten. Diesen stellt künftig ein jährlich stattfindender Erfahrungsaustausch sicher, der im Oktober 2022 zum ersten Mal über die Bühne gehen wird.

Die Umsetzung der Richtlinie ist in vollem Gang: Bei Produktgruppen wie Papier – die Verwaltung verbraucht aktuell jährlich rund 6200 A4-Blätter pro Vollzeitstelle – oder Steinen für den Strassenbau hat Illnau-Effretikon bereits auf nachhaltige Labelprodukte umgestellt. Bei den Reinigungsmitteln erfüllt inzwischen rund die Hälfte der Produkte die geforderten Kriterien, wobei gewisse Produkte nicht einfach zu ersetzen sind – z. B. Desinfektionsmittel. Zu den auffälligsten Neuerungen zählen mit Sicherheit zwei batterieelektrische Kommunalfahrzeuge. Das eine dient der Stadt dazu, die öffentlichen Abfalleimer zu leeren, das zweite ist im Forstbetrieb anzutreffen, unter anderem für den Unterhalt der Feuerstellen. «Obwohl eine gewisse Skepsis gegenüber elektrisch betriebenen Nutzfahrzeugen spürbar war und die Auswahl an Fahrzeugen mit Spezialausrüstung wie Vierradantrieb oder Kippfunktion (noch) eher dürftig ist, war für uns klar, dass wir auf die Elektromobilität setzen», so Loosli. Und ja, die Anschaffungskosten solcher Spezial-Fahrzeuge sind fast doppelt so hoch wie bei herkömmlichen Verbrennern. Doch wenn man die Gesamtbetriebskosten über die Lebensdauer eines Fahrzeugs betrachtet, mache der Elektroantrieb Sinn, betont Loosli. So sehr, dass die Stadt prüft, in Zukunft auch die Strassenwischfahrzeuge auf Elektroantrieb umzustellen und so 8 000 Liter Dieselkraftstoff pro Jahr einzusparen.

Die öffentliche Beschaffung in Zahlen

In der Schweiz beschafft die öffentliche Hand gemäss Bundesamt für Umwelt BAFU jährlich Güter und Dienstleistungen im Wert von rund 41 Milliarden Franken. Davon entfallen 20 % auf den Bund, 40 % auf die Kantone und 40 % auf die Gemeinden.

Ab einer gewissen Summe müssen Aufträge öffentlich ausgeschrieben werden – 2021 verzeichnete Simap, die offizielle Plattform für die Publikation von öffentlichen Ausschreibungen, mehr als 11 000 solcher Ausschreibungen, wie die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern auf ihrer Website schreibt. Die grossen Mengen fallen ökologisch ins Gewicht: Allein der Druck der Bundesbüchlein zu jeder Abstimmung benötigt jeweils 221 Tonnen Papier, die etwa 13 Lastwagen füllen.

Hilfreiche Links für eine nachhaltige öffentliche Beschaffung:

Pusch führt regelmässig Kurse und Seminare zum Thema nachhaltige Beschaffung durch – auch online.

Autorin: Eva Hirsiger, Projektleiterin öffentliche Beschaffung, Standards & Labels
Bild: Gemeinde Illnau-Effretikon

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