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Melchnau: Rundum engagiert

Ein neuer Beschaffungsleitfaden für Verbrauchsmaterial, ein Elektroauto zum Teilen und nachhaltiger Strom: Das 1500-Seelen-Dorf Melchnau im Oberaargau zeigt, wie auch in kleinen Gemeinden Nachhaltigkeit im Alltag Platz findet.

Schon im 19. Jahrhundert ging Melchnau mit gutem Beispiel voran: Der bildungseifrige Modernisierer Jakob Käser (1806 bis 1878) gründete 1831 einen Leseverein, später den Landwirtschaftlichen Verein sowie die Gesellschaft für Forst- und Obstbaumzucht. 
Heute sind es Umweltthemen, bei denen Melchnau eine Vorreiterrolle einnimmt. 2018 verfasste die Gemeinde ihr Energieleitbild und erhielt im gleichen Jahr das Label «Energiestadt». Damit verpflichtet sich das Dorf, wie auch andere Städte und Gemeinden, die Herausforderungen im Energie- und Klimabereich lokal anzugehen. Nachdem Melchnau mit einem Berater des Energiestadt-Labels mögliche Massnahmen evaluiert hatte, ging es an die Umsetzung. Damit eine Gemeinde das Label nach vier Jahren erneut erhält, muss sie 50 Prozent der geplanten Massnahmen in Angriff genommen haben.

Label erleichtern die nachhaltige Beschaffung

Eine der ersten Massnahmen, die Melchnau anpackte, war das Thema «nachhaltige Beschaffung». Denn Güter des täglichen Bedarfs – dazu zählen neben Papier auch Leuchtmittel, Reinigungsprodukte, Fahrzeuge oder Textilien – bestimmen den ökologischen Fussabdruck einer Gemeinde massgeblich mit. Allein im Jahr 2020 verbrauchten die Gemeindeverwaltung und die Schule 264 084 Blätter Papier für Ausdrucke oder Kopien. Regula Heimberg, Gemeinderätin und Vorsteherin der Kommission Versorgungswerke, erinnert sich an die Anfänge: «Es galt, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. So hatten beispielsweise die Verwaltung und die Schule nicht dieselben Anforderungen an ein Papier». Es durfte nicht zu dunkel sein, wie das bei einigen Recyclingpapieren der Fall ist, und amtliche Dokumente und Zeugnisse müssen sich gut kopieren lassen. Schliesslich fand sich ein passendes Recyclingpapier und neu wird zudem der gesamte Papiervorrat zentral gelagert, so geht der Überblick nicht verloren. 

Das Portemonnaie entscheidet mit

Ist schliesslich eine ökologische Alternative gefunden, macht es wenig Sinn, alle Produkte auf einen Schlag austauschen. «Wir brauchen die vorhandenen Leuchtmittel und Reinigungsprodukte auf, bevor wir die neuen, ökologischen Alternativen einsetzen», so Heimberg. Viel teurer als die bisherigen Verbrauchsgüter dürfen diese jedoch nicht sein. «Wir stehen – wie viele Gemeinden – unter grossem Spardruck. Aber glücklicherweise gelang es uns bisher gut, umweltschonende Produkte zu finden, die ins Budget passen», erzählt die Gemeinderätin. Etwas Ausdauer erforderten die Papierhandtücher: «Wir haben in unseren Verwaltungs- und Schulgebäuden über 100 Handtuchspender. Diese zu ersetzen, kam nicht in Frage und so suchten wir eine Weile, bis wir ökologische, passende und zahlbare Papiertücher gefunden hatten.» Eine wertvolle Hilfe, um sich im Dschungel der vielen Produkte zurechtzufinden, boten die Merkblätter von Pusch, die Auskunft geben über Umweltlabels vom Blauen Engel bis zu Oecoplan.

Der geschärfte Blick für Umweltthemen förderte auch Gewohnheiten zu Tage, die sich über Jahre etabliert hatten und irgendwann schlicht nicht mehr in Frage gestellt wurden, erinnert sich Heimberg: «Früher haben wir an Sitzungen stilles Wasser in Plastikflaschen angeboten. Neu trinken wir nun unser einwandfreies Melchnauer Leitungswasser oder Mineralwasser mit Kohlensäure aus Glasflaschen.» Von letzterem wurden im letzten Jahr rund 80 Liter konsumiert. 

Nichts geht über gute Kommunikation

Heute überwiegen die Erfolge, doch Heimberg erzählt: «Die Idee des Beschaffungsstandards stiess nicht nur auf Freude.» So war das Reinigungspersonal der Schule unsicher, ob sich die bewährten Putzmittel ohne Einbussen bei der Reinigungsleistung durch ökologische Alternativen ersetzen lassen. Der Austausch mit anderen Gemeinden erwies sich hier als sehr wertvoll, ist Heimberg überzeugt: «Pusch und Energiestadt vermittelten uns Kontakte. So konnte sich der Hausmeister der Schule mit Berufskollegen austauschen und wir erhielten Infos und Tipps aus erster Hand.» Als vorteilhaft stellten sich auch die kurzen Wege im kleinen Dorf heraus, ergänzt Heimberg. Dadurch, dass man sich regelmässig über den Weg laufe, finde ein reger und unkomplizierter Austausch statt, was den Projekten zugutekomme.

Emissionsfreie Mobilität, ökologischer Strom 

Die jüngste Massnahme steht im Zeichen der umweltfreundlichen Mobilität. Neu steht in der Gemeinde ein Elektrokleinwagen zur Verfügung, der sich mit einer Car-Sharing-App buchen lässt. Die Anschaffung des Fahrzeugs hätte das Gemeindebudget bei weitem überschritten, doch der Zufall kam zu Hilfe. «Wir haben eine Umfrage in der Gemeinde gemacht, um das Bedürfnis nach einem solchen Fahrzeug abzuschätzen», erzählt Heimberg. Grosses Interesse zeigte der lokale Garagist. Denn er plante, das Fahrzeug seinen Kunden als Ersatzwagen anzubieten. So entstand ein gemeinsames Projekt des lokalen Unternehmens mit der öffentlichen Hand: Der Garagist stellt das Fahrzeug zur Verfügung und übernimmt den Unterhalt, die Gemeinde installierte die Ladesäule und begleicht die Parkplatzmiete. Den Verwaltungsmitarbeitenden dient das Elektroauto nun auch als Dienstfahrzeug.

Es fährt mit 100 Prozent Melchnauer Sonnenstrom, wie der Schriftzug auf dem Fahrzeug versichert. Der Strom stammt aus den privaten Solaranlagen in Melchnau, die ins Netz einspeisen. Den Sonnenstrom können auch die Melchnauer Haushalte für einen Aufpreis von 1.9 Rappen pro Kilowattstunde beziehen. Das Interesse, eine eigene Solaranlage zu installieren, steigt von Jahr zu Jahr – nicht zuletzt, weil die Gemeinde seit einigen Jahren Förderbeiträge vergibt. Die Gemeinde zahlt seit vier Jahren einen Teil der Einnahmen aus den Konzessionsabgaben der gemeindeeigenen Versorgungswerke in einen Fonds ein. Von einem Rappen Abgabe pro verbrauchte Kilowattstunde Strom werden 0,2 Rappen in den Fonds einbezahlt, so kommen jährlich rund 14 000 Franken zusammen.

Die Reise geht weiter

Melchnau hat schon viel erreicht. Nebst nachhaltiger Beschaffung und Elektromobilität setzt die Tagesschule auch auf regionale Lebensmittel. Doch das Dorf ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus. So sei ein Energiepfad in Planung, verrät Heimberg. «In Kürze werden wir einen Energiepfad besichtigen und dabei hoffentlich viele Ideen sammeln.» 
Heimberg blickt motiviert in die Zukunft: «Dieses Projekt wird nie aufhören – wir haben so viele Chancen, etwas zu verändern.» Was würde sie einer Gemeinde raten, die sich ebenfalls für Nachhaltigkeit und Umweltthemen engagieren möchte? «Etwas vom wichtigsten – nebst dem Beratungsangebot von Energiestadt und Pusch – ist der Austausch mit anderen Gemeinden – so erfährt man aus erster Hand, was es bedeutet, Energiestadt zu sein.»

Autorin: Eva Hirsiger, Projektleiterin öffentliche Beschaffung, Standards & Labels
Bilder: Gemeinde Melchnau

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