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Gemeinden
Biodiversität
Praxisbeispiel

Die Aargauer Aktion Klimaoase

Klimaoase in Suhr

·

7 Minuten Lesezeit

Biodiversität

Praxisbeispiel

Ein stattlicher Baum erbringt Leistungen, die im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung und der zunehmenden Verdichtung der Siedlungen nach innen sehr erwünscht wären. Dennoch gibt es immer weniger Bäume in Dörfern und Städten. Die Aktion Klimaoase will dem entgegenwirken.

Die Klimaveränderung ist definitiv bei uns angekommen. Nach dem ersten schneelosen Winter im Mittelland seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnung und der Trockenheit im April scheint sich das schon Jahre dauernde Niederschlagsdefizit fortzusetzen. Die Sommer von 2018 und 2019 mit ihren zahlreichen Hitzetagen mit Temperaturen weit über 30 Grad sind uns noch in lebhafter Erinnerung. Die Siedlungen luden sich mit Wärme regelrecht auf. An einen erholsamen Schlaf war kaum mehr zu denken. Abkühlung war nur noch im Wasser, in klimatisierten Räumen oder im Wald zu haben.

Der Daueraufenthalt im kühlen Wasser oder der Einsatz von energieintensiven Klimaanlagen sind keine tauglichen Lösungen im Alltag. Das Übertragen der angenehmen Sommertemperaturen eines Waldes ins Siedlungsgebiet hingegen schon. Denn ein stattlicher Baum spendet Schatten und kühlt die Umgebung dank der Verdunstung von täglich bis zu 500 Litern Wasser um gefühlte 15 Grad. Das entspricht der Leistung von 15 Zimmerklimaanlagen, und das einzig mithilfe von Sonnenenergie. Zudem produziert er Sauerstoff, speichert CO2, bindet Staub und Feinstoffe, bietet Wohnraum für Vögel und Kleintiere, vermindert das Lärmempfinden und macht die Menschen erwiesenermassen glücklicher. Trotz all dieser Leistungen wird bisher vielerorts der Aufwand durch Baumpflege und Laubfall, durch mögliche Gefahren wie herunterfallende Äste und Schäden an Werkleitungen durch Wurzeln und vor allem wegen der hohen Bodenpreise höher gewichtet. Im bebauten Gebiet sind deshalb in den letzten Jahrzehnten viele Bäume verschwunden.

Die Idee

Die Klimaerwärmung ist eine enorme Herausforderung. Es braucht drastische Massnahmen zum Schutz des Klimas, aber auch Massnahmen zur Anpassung an die neuen Klimabedingungen. Bäume können viel zum Erhalt der Lebensqualität im Siedlungsgebiet und zum Schutz der Gesundheit beitragen. Doch die Zeit drängt: Bis ein Baum seine volle klimawirksame Leistung erbringen kann, dauert es 30 bis 50 Jahre. Das hat die Fachstelle Nachhaltigkeit des Kantons Aargau und das Naturama Aargau auf die Idee der Aktion Klimaoase gebracht. Die Aktion Klimaoase will die Gemeinden und die Bevölkerung für die Bedeutung der Bäume im bebauten Gebiet sensibilisieren. Gemeinden sollen im Rahmen dieser Aktion als Vorreiter der Anpassung an den Klimawandel auftreten. Sie können mit einer exemplarischen Baumpflanzung demonstrieren, dass die Vorteile von Bäumen im Siedlungsgebiet den Aufwand überwiegen und dass die Lebensqualität der Bevölkerung langfristig mit Bäumen auf kostengünstige und sympathische Art erhalten werden kann.

Die Aktion Klimaoase will die Gemeinden und die Bevölkerung für die Bedeutung der Bäume im bebauten Gebiet sensibilisieren.

Eine Klimaoase ist ein im dicht bebauten Siedlungsgebiet auf öffentlichem Grund neu gepflanzter Baum, der auf die zunehmende Erwärmung durch den Klimawandel und auf die wichtigen Leistungen von Bäumen aufmerksam macht. Ergänzt durch eine Sitzgelegenheit, die zum Verweilen einlädt, lässt sich die kühlende Wirkung direkt erleben. Der ideale Standort befindet sich dort, wo sich viele Menschen aufhalten, und er wird so gewählt, dass der Baum gross und alt werden kann.

Das Projekt

Die Aktion Klimaoase ist ein Pilotprojekt des Kantons Aargau im Rahmen des Forschungsprojekts «Anpassung an den Klimawandel» des Bundesamtes für Umwelt (Bafu). Die Abteilung Landschaft und Gewässer unterstützt die Baumpflanzungsaktion im Siedlungsgebiet finanziell, die Umsetzung liegt beim Naturama Aargau. Das Ziel ist, bis ins Jahr 2021 in Aargauer Gemeinden 25 Klimaoasen zu realisieren. Dabei werden die teilnehmenden Gemeinden durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Aktion Klimaoase kostenlos beraten und unterstützt. Der Start ist gelungen, auch wenn die Corona-Pandemie das Projekt vorübergehend zum Stillstand gebracht hat. Die Grundlagen und das Vorgehen sind so ausgelegt, dass die Aktion bei Erfolg auf andere Kantone übertragen werden kann.

Die Umsetzung  

Klimaadaption ist neben all den anderen Gemeindeaufgaben eine zusätzliche und neue Herausforderung für Städte und Gemeinden. Trotz einer gewissen Offenheit für Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sind die Gemeindebehörden in der konkreten Umsetzung bislang eher zurückhaltend. Hier setzt die Aktion Klimaoase an. Bereits fünf Gemeinden haben eine Klimaoase gepflanzt und vier weitere sind in Vorbereitung.

Aktion Klimaoase – so funktioniert sie

Alle Aargauer Gemeindebehörden sind eingeladen, sich an der Aktion Klimaoase zu beteiligen und einen Baum zu pflanzen. Weil der Klimawandel nur gemeinsam gemeistert werden kann, beinhaltet die Aktion Klimaoase auch die Schenkung eines Baums an eine weitere Gemeinde. Mit dem gemeinsamen Pflanzfest der beiden Gemeinden, zu dem auch die Bevölkerung eingeladen ist, wird in ungezwungenem Rahmen auf den Klimawandel und mögliche Anpassungsmassnahmen aufmerksam gemacht. Die Gemeinde erhält von der Aktion Klimaoase

  • eine Beratung bei der Auswahl des Standorts und der Baumartenwahl,

  • Unterstützung bei der Suche nach lokalen Sponsoren,

  • Informationsmaterialien zum Thema Klimaschutz und -anpassung für die Bevölkerung,

  • eine Auswahl von Gemeinden für die Schenkungsaktion,

  • Unterstützung bei der Baumpflanzung und bei der Schenkungsaktion.

Die Kosten für eine Gemeinde teilen sich in einen fixen Baumbeitrag und individuelle Baumpflanzkosten auf:

  • Für die Teilnahme bei der Aktion Klimaoase zahlt die Gemeinde 500 Franken als Kostenbeteiligung für den Baum.

  • Eine Baumgrube für die Pflanzung in einer Grünfläche ist günstig und die Ausführung kann auch durch das eigene Bauamt erfolgen. Müssen zuerst Beton oder Asphalt entfernt werden, können die Kosten auf 1500 bis 4500 Franken ansteigen.

  • Der Aufwand in den folgenden Jahren beschränkt sich auf die normale Baumpflege.

Weil der Klimawandel uns alle betrifft, schenkt jede Gemeinde, die eine Klimaoase realisiert hat, mit einem Baumpflanzfest einer anderen Gemeinde ebenfalls eine Klimaoase. Die Idee mit der Schenkung, anfänglich von den Initiantinnen des Projekts selbst eher skeptisch betrachtet, stellte sich als grosser Erfolg heraus. Die Gemeinden organisieren mit der Unterstützung von Vereinen kleine Pflanzfeste. Das fördert den Austausch zwischen Behörden und Bevölkerung, aber auch zwischen den Behörden der schenkenden und der beschenkten Gemeinde.

Die Fortsetzung  

Wenn die Aktion Klimaoase erfolgreich abgeschlossen werden kann, haben die Initianten des Projekts bereits Fortsetzungsprogramme im Hinterkopf. Denkbar wäre beispielsweise, dass sich Gemeinden im Rahmen eines bestehenden oder neuen Labels dazu verpflichten, eine bestimmte Anzahl von Bäumen im Siedlungsgebiet zu pflanzen und zu pflegen. Der Aufwand dafür könnte zumindest zum Teil über Beiträge aus den Inland-CO₂-Kompensationsgeldern abgegolten werden.

Um den Wald in die Siedlungen zu holen, braucht es Absprachen, Kooperationen, Finanzierungsmöglichkeiten und die Bereitschaft, sektor- und bereichsübergreifend zu denken und zu handeln. Für die gemeindeeigenen Forstbetriebe könnten sich mit der Pflege des «Siedlungswaldes» dringend benötigte neue Einkommensmöglichkeiten eröffnen. Das Know-how und die Maschinerie wären dort bereits vorhanden.

Bäume sind Sympathieträger. Das hat sich in der ersten Projektetappe der Aktion Klimaoase gezeigt. Die Leistungen von Bäumen für den Erhalt der Lebensqualität in den Gemeinden überzeugen die Bevölkerung. Die Voraussetzungen dafür, dass Bäume in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Klimaadaption im Siedlungsraum erbringen können, sind sehr gut.

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 2/2020 erschienen. Titelbild: T. Baumann, Naturama


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