Die Krise kann eine Chance für neue Lebensqualität sein

Ein von Konsum und Wegwerfmentalität geprägter Lebensstil verschwendet die begrenzt verfügbaren Ressourcen und heizt das Klima auf. Die Coronapandemie regt nun erst recht zum Nachdenken über eine nachhaltigere Zukunft an.
Über Wochen übten wir uns im Frühling 2020 während des Lockdowns erzwungenermassen in einem genügsamen Lebensstil. Rückblickend mögen im ersten Moment die negativen Erinnerungen im Vordergrund stehen: Läden geschlossen, Schulen zu, Veranstaltungen verboten, stark reduzierte Bewegungsfreiheit – und ja, Homeoffice. Alles von null auf hundert, die Herausforderungen waren riesig. Und jetzt, ein halbes Jahr später? Immer noch Corona. Die Pandemie wird uns noch eine Weile beschäftigen. Eine einmalige Chance für mehr Suffizienz. Zeit für eine kleine Auslegeordnung. Suffizienz basiert auf einem Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität, das andere Werte als den Konsum in den Vordergrund stellt. Sie zielt darauf ab, die Ressourcen so zu nutzen, dass auch zukünftige Generationen ihre legitimen Bedürfnisse decken können. Neben Effizienz und Konsistenz ist sie einer der Grundpfeiler einer nachhaltigen Entwicklung.
Mehr Zeit im Stillstand
Im Frühling 2020 waren nicht nur die Flugzeuge gegroundet – auch unser Alltag stand still. In den Wochen des Lockdowns waren wir gezwungen, unseren Konsum zurückzufahren. Nicht wenige haben dabei entdeckt, dass ihnen viele der materiellen Dinge gar nicht so sehr fehlten. Dass reduzierter Konsum nicht zwingend mit Verlust von Lebensqualität einhergehen muss. Im Gegenteil: Wohlbefinden haben sie in gelebten Beziehungen und Erlebnissen in der Natur gefunden. Auf kurzen Wegen, mit weniger Verkehr – und mehr Zeit. Die kommenden Monate werden uns vor weitere Herausforderungen stellen – physisch, psychisch und organisatorisch. Das muss nicht zwingend quälenden Stillstand bedeuten. Es kann eine Chance sein, frische Gewohnheiten zu festigen. Eine Chance für ein dauerhaftes neues Konsumverhalten, das Qualität vor Quantität stellt und Ressourcen bewusst nutzt.
Reduzierter Konsum muss nicht zwingend mit Verlust von Lebensqualität einhergehen.
Leihen statt kaufen
Das geht zum Beispiel mit der Abkehr vom Besitzen hin zum Teilen. Die Ökonomie des Teilens ist eigentlich nicht neu, sie nennt sich heute Sharing Economy und vereint eine Vielzahl von Initiativen und Ideen. Mobility muss man niemandem mehr erklären; 224 000 Menschen nutzen inzwischen diese Möglichkeit der flexiblen Mobilität in der Schweiz und brauchen somit kein eigenes Auto. Dass diese Idee auch mit Gebrauchsgegenständen funktioniert, zeigt bspw. das Konzept der «LeihBar» in verschiedenen Städten der Schweiz.
Hohe Nachfrage nach Campingausrüstung im Coronasommer
In Bern finden Interessierte seit 2018 in der «LeihBar Viktoria» – und seit 2020 am zweiten Standort in Wabern – fast alles, was sie im Alltag nur kurz oder eher selten brauchen. Von Autokindersitzen über Beamer, Lichterketten und Luftmatratzen bis hin zu Waffeleisen und Zelten, alle Gegenstände können online reserviert und während der Öffnungszeiten abgeholt werden. «Generell laufen Werkzeuge am besten, zum Beispiel Bohrer oder Dampfreiniger», sagt Corinne Aus der Au vom Vorstand der «LeihBar». «Allerdings verzeichneten wir diesen Sommer eine hohe Nachfrage nach Campingausrüstung.» Ein Indiz dafür, dass Schweizerinnen und Schweizer sich im Sommer 2020 offen für neue Erfahrungen zeigten. Die Nachfrage steige kontinuierlich, bestätigt Corinne Aus der Au. Das sei sehr erfreulich, der Aufwand im Hintergrund aber nicht zu unterschätzen. An den beiden Berner Standorten engagieren sich inzwischen über 30 Freiwillige. Städte und Gemeinden können den Erfolg dieser und anderer von ehrenamtlicher Arbeit getragener Einrichtungen fördern, zum Beispiel mit der Bereitstellung von Infrastruktur, mit der Unterstützung bei der Kommunikation oder indem sie die Angebote in einen übergreifenden Kontext der nachhaltigen Entwicklung setzen und mit eigenem Engagement verknüpfen.
Bei dieser Bar gehen eher Bohrer als Drinks über die Theke. Bild: Matthias Luggen
Gemüsegarten im Kreisel
Der eingeschränkte Bewegungsradius hat bei der Bevölkerung auch den Blick für das Regionale und Lokale geschärft. Viele haben in den Sommerferien in der Schweiz unbekannte Orte entdeckt und zu Hause die unmittelbare Umgebung mit «neuen» Augen wahrgenommen. Wenn wir von einem nachhaltigen Effekt ausgehen, rücken in Zukunft auch die eigene Wohnstrasse oder das Quartier stärker ins Blickfeld. Paris beispielsweise hat vor Kurzem die «15-Minuten- Stadt» zum Ziel erklärt. Das Konzept peilt eine Stadt an, in der Einwohnerinnen und Einwohner in 15 Minuten alles erreichen können, was sie zum täglichen Leben brauchen. Eine Vision, welche die Suffizienz ins Zentrum rückt.
Die Qualität des Freiraums
Damit wachsen auch die Ansprüche an die Qualität des Freiraums vor der Haustüre. Frühere Investitionen in verkehrsberuhigende Massnahmen und naturnahe Grünflächen zahlen sich nun in vielen Gemeinden aus. Dass sich kleine Veränderungen zu einem grösseren Ganzen zusammenfügen können, zeigt die Stadt Bern. Sie setzt auf die Aufwertung von Restflächen im Strassenraum, um die lokale Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung zu steigern. Partizipation ist ausdrücklich erwünscht. Die Bevölkerung ist eingeladen, sich einzubringen und Einfluss auf die Gestaltung ihrer Lebensräume zu nehmen. Anlaufstelle für Initiativen und kreative Ideen ist das Kompetenzzentrum öffentlicher Raum (KORA). Hier erhalten Einwohner:innen unkompliziert Unterstützung bei der Umsetzung von Aktionen und Projekten. Kreisel, Seitenstreifen, Parkplätze oder Zufahrten werden so temporär oder dauerhaft zu attraktiven Begegnungsorten im öffentlichen Raum. Der saisonale Gemüsegarten im Kreisel, die Wildblumenbeete im Schatten der Stadtbäume, Urban Gardening zwischen Parkplätzen oder der Billardtisch am Strassenrand, sie alle stärken die Identifikation mit dem Quartier, mit der Gemeinde, mit den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung.
Kleine Veränderungen können sich zu einem grösseren Ganzen zusammenfügen.
Der Weg zur Vision
Zweifellos werden sich viele Coronamassnahmen von heute kurz- und mittelfristig in einem Spardruck niederschlagen. Dann gilt es, die richtigen Prioritäten zu setzen. Dazu gehört – auch mit Blick auf den Klimawandel –, die Planung auf die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung auszurichten. Zentral ist ein gesamtheitlicher Ansatz, denn Suffizienz zieht sich durch alle Lebensbereiche. Wer sich entschliesst, vom Auto aufs Velo umzusteigen, wünscht sich sichere Radwege. Wer seine Ferien zukünftig gelegentlich freiwillig zu Hause verbringt, schätzt ein aktives Quartierleben und vielfältigen Grünraum. Wer zunehmend auf Bio-Produkte aus der Region setzt, trifft am Wochenmarkt Gleichgesinnte. Kommen noch attraktive Coworking Spaces für all jene dazu, die Homeoffice nicht zwingend immer zu Hause leisten möchten, ist es auf einmal nicht mehr weit bis zur Vision der «15-Minuten- Stadt». Wenn die Pandemie irgendwann vorüber ist, werden wir Sachen nachholen, die wir vermisst haben. An andere Dinge, die uns einmal unverzichtbar erschienen, werden wir uns aber vielleicht gar nicht mehr erinnern. Noch dauert die Krise an – und mit ihr die Chance, dass Menschen Gewohnheiten dauerhaft ändern.
Toolbox Suffizienz
Die Toolbox Suffizienz von Pusch stellt die Rolle der Städte und der Gemeinden ins Zentrum. Denn sie haben zahlreiche Möglichkeiten, eine suffiziente Lebens- und Wirtschaftsweise zu fördern: Sie können Initiativen aus der Bevölkerung unterstützen, durch planerische und gesetzliche Vorgaben einen geeigneten Entwicklungsrahmen festlegen und aktiv selbst eine Vorbildrolle übernehmen.
Der Artikel ist in der «Schweizer Gemeinde» 12/2020 erschienen.
Titelbild: Matthias Luggen