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Gemeinden
Biodiversität
Praxisbeispiel

Die Natur konsequent mitdenken

Grabenbach in Münsingen

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5 Minuten Lesezeit

Biodiversität

Praxisbeispiel

Seit über 25 Jahren setzt sich die Gemeinde Münsingen aktiv für den Erhalt und die Förderung der Biodiversität ein. Als Grundlage dienen ihr dabei eine solide planerische Grundlage, der Einbezug aller Beteiligten und eine zielgerichtete Kommunikation.

Biodiversitätsförderung und die Bewahrung der Ökosystemleistungen müssen für die Gemeinden zur Selbstverständlichkeit werden. Dazu braucht es einen bewussten und sorgsamen Umgang mit der Umwelt, mehr Nachhaltigkeit in der Ressourcennutzung und zielgerichtete Investitionen in den Unterhalt und die Pflege von wertvollen Gebieten. Die Gemeinde Münsingen (BE) versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Planerische Instrumente der Ortsplanungsrevision, wie der Richtplan Landschaft und das Gemeindebaureglement 2021, spielen dabei eine zentrale Rolle. Durch sie hat die Biodiversitätsförderung eine verbindliche Grundlage und kann gezielt gefördert werden. 

Vielfalt schafft Lebensqualität  

Biodiversität hat viele Gesichter. Die «wilde» Natur gehört ebenso dazu wie vom Menschen geschaffene Strukturen in der Kulturlandschaft und im Siedlungsgebiet. Für uns Menschen sind die Vielfalt von Pflanzen und Tieren und wertvolle biodiverse Lebensräume absolut zentral. Die zahlreichen Ökosystemleistungen, die damit einhergehen, leisten nicht zuletzt einen wesentlichen Beitrag zu unserer Lebensqualität. Das merken auch die Bewohner:innen von Münsingen, wenn sie sich auf einem Spaziergang entlang des renaturierten Grabenbachs, beim Schlendern durch einen Freiraum oder beim Anblick einer bunten Blumenwiesen an der Natur erfreuen. 

Rechtliche Grundlagen  

Bauliche Veränderungen stellen immer auch eine Chance zur Förderung der Biodiversität dar. Eine Ortsplanungsrevision, wie sie in Münsingen kürzlich durchgeführt wurde, kann die Nutzung solcher Chancen begünstigen. Denn mit der Überarbeitung der Bau- und Nutzungszonenplanung, der Richtpläne und des Gemeindereglements kann eine gute Grundlage für die Planung und die Umsetzung von biodiversitätsfördernden Massnahmen geschaffen werden. 

In Münsingen erweist sich in dieser Hinsicht insbesondere der überarbeitete Richtplan Landschaft als wirksames Instrument. Mit ihm verpflichten sich die Gemeindebehörden dazu, ökologisch wertvolle Lebensräume zu erhalten, aufzuwerten und neu zu schaffen. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass biodiversitätsfördernde Ziele bei neuen Planungen und Bauprojekten von Anfang an eingebracht werden können. Für die Verwaltung ist der Richtplan mit seiner Ausrichtung auf Kontinuität sowie sektorenübergreifendes Denken und Handeln ein nützliches Werkzeug zur Umsetzung von konkreten Massnahmen.  

Der Giessenpark in Münsingen.

Die Natur mitgedacht: die Siedlung Giessenpark. Bild: Gemeinde Münsingen

Auch im revidierten Gemeindebaureglement sind diverse neue Vorgaben zur Biodiversitätsförderung enthalten. So schreibt es beispielsweise vor, dass neu erstellte Zäune einen Mindestabstand zum Boden aufweisen müssen. Die Kleintierkorridore, die dadurch geschaffen werden, leisten einen wertvollen Beitrag zur ökologischen Vernetzung. Ebenfalls hervorzuheben ist ein neuer Artikel zum Thema Lichtemissionen. Dieser schreibt vor, dass in der Nähe von Naturräumen kein weisses Licht und keine Strahlung im UV-Bereich eingesetzt werden dürfen. Zudem sind Aussenbeleuchtungen nur dann zulässig, wenn sie wirklich notwendig sind und sichergestellt werden kann, dass sie ausschliesslich den jeweils erforderlichen Bereich beleuchten. Konkrete Regelungen wie diese bilden eine solide Grundlage für wirkungsvolle Massnahmen. 

Von der Planung zum Projekt  

Gestützt auf diese planerischen Grundlagen hat die Gemeinde Münsingen bereits zahlreiche Projekte zu Förderung der Biodiversität auf dem Siedlungsgebiet umgesetzt. Hier einige Beispiele: 

  • Naturpark ARA: Bei der Sanierung der Abwasserreinigungsanlage (ARA) wurde auf dem Betriebsgelände eine nicht mehr genutzte Anlage in einen naturnahen Zustand überführt und damit ein Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen geschaffen.  

  • Offenlegung Grabenbach: Der eingedolte Grabenbach wurde auf einer Länge von 1000 Metern in einem breiten, als Ruderalfläche gestalteten Gerinne offengelegt und renaturiert.  

  • Naturraum Giessenpark: Bei der Überbauung Giessenpark wurde ein hochwertiger öffentlicher Naturraum mit renaturiertem Gewässer, unversiegelten Flächen, Blumenwiesen und Hecken geschaffen.  

  • Aufwertung Stude/Ritzele: Das siedlungsangrenzende Gebiet Stude/Ritzele wurde auf einer Fläche von rund sechs Hektaren in eine ursprüngliche Auenlandschaft zurückgeführt.  

  • Biodiversitätsflächen im Siedlungsgebiet: Bei jeder Gelegenheit werden grosse und kleine Flächen öffentlicher und privater Eigentümer:innen naturnah gestaltet (Strassenrestflächen, Flachdächer etc.) 

Chancen und Herausforderungen  

An solchen Beispielen wird die Vielfalt der Möglichkeiten deutlich, die sich bei der Planung und Umsetzung von neuen Projekten ergeben. Um diese Möglichkeiten zu nutzen, besteht ein erster wichtiger Schritt darin, die Natur von Anfang an konsequent in die Planung einzubeziehen. Das kann etwa dadurch geschehen, dass bei der Umgestaltung eines Schulhauses oder der Sanierung einer Liegenschaft von Beginn an eine naturnahe Umgebung mit eingeplant wird. Oder aber, indem bei der Erstellung von neuen Quartierstrassen einheimisches Begleitgrün verwendet und auf unversiegelte Flächen geachtet wird. 

Neuer Lebensraum: ein ehemaliges Klärbecken der ARA Münsingen. Bild: Gemeinde Münsingen

Allerdings bringt die Biodiversitätsförderung nicht nur zahlreiche Chancen mit sich, sondern auch einige Herausforderungen. Dazu gehören etwa fehlende finanzielle oder personelle Mittel, die Verbreitung invasiver Pflanzenarten oder die Diskrepanz zwischen ökologischen Anliegen und dem Wunsch nach Produktionssteigerung. Gerade angesichts solcher Herausforderungen ist es bei neuen Projekten wichtig, sämtliche betroffenen und interessierten Personen möglichst früh am Prozess zu beteiligen. Denn nur so kann jenes Verständnis geschaffen werden, das für das Erreichen der gesteckten Ziele nötig ist. 

Kommunikation und Sensibilisierung  

Eine zeitnahe und klare Kommunikation ist beim Einbinden der relevanten Personen in ein neues Projekt äusserst hilfreich. Sie kann helfen, allfällige Vorbehalte früh zu erkennen und sie durch gezielte Information und Aufklärung zu minimieren. Und das lohnt sich: Sensibilisierung, Beratung und Motivation im Vorfeld erhöhen die Erfolgschancen von Projekten und helfen dabei, geplante Massnahmen zur Förderung und Erhaltung der Biodiversität erfolgreich umzusetzen. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 4/2022 erschienen. 
Titelbild: Gemeinde Münsingen


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