Ein Label für mehr Siedlungsgrün

Das Label von Grünstadt Schweiz steht für einen nachhaltigen Umgang mit Grün- und Freiflächen. Dass sich eine Zertifizierung auch für kleine Gemeinden lohnt, zeigt das Beispiel Degersheim.
Je nach Anzahl, Anordnung, Qualität und Vielfalt können Grünräume entscheidend zur Lebensqualität im Siedlungsraum beitragen. Sie bieten Lebensräume für selten gewordene Tier- und Pflanzenarten, kühlen Städte herunter und tragen als Begegnungs-, Bewegungs- und Aufenthaltsorte nachweislich zur physischen und psychischen Gesundheit bei. Kein Zweifel: Die Vorteile von genügend Grün im Siedlungsgebiet sind zahlreich und vielfältig. Das Label Grünstadt Schweiz will diese Vorteile nutzen, indem es die zertifizierten Gemeinden zu einem nachhaltigen Umgang mit ihren Grün- und Freiflächen verpflichtet. Eine der kleinsten Grünstädte ist die Gemeinde Degersheim (SG), wo man mit dem Label bereits gute Erfahrungen gemacht hat.
Eine Verpflichtung zur nachhaltigen Planung
Im Zentrum von Grünstadt Schweiz stehen verschiedene Anforderungen im Hinblick auf die Planung und Nutzung von Grün- und Freiflächen. So sollen diese etwa vielfältig genutzt werden und neben einer hohen Aufenthalts- auch eine hohe ökologische Qualität sowie eine gewisse Klimawirksamkeit aufweisen.
Ein Label für nachhaltiges Stadtgrün
Mit dem Label Grünstadt Schweiz der Vereinigung der Schweizerischen Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) werden Städte und Gemeinden zertifiziert, die sich besonders für die Gestaltung und Pflege der Grün und Freiflächen im Siedlungsgebiet einsetzen. Hinter dem Label stehen verschiedene Institutionen aus Forschung, Wirtschaft und Praxis.
Zudem sieht das Label ausdrücklich vor, dass bei der Projektierung, dem Neubau und der Sanierung von öffentlichen Grün- und Freiräumen verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte umfassend und frühzeitig einbezogen werden.
Die richtigen Pflanzen am richtigen Ort
Ein besonderes Augenmerk legt Grünstadt Schweiz auf die Auswahl und die Beschaffung von Pflanzen. Die zertifizierten Städte und Gemeinden sind dazu aufgefordert, bei neuen Bepflanzungen auf eine biologische Produktion, die Langlebigkeit und vor allem auch auf die jeweiligen Standorteigenschaften zu achten. Bei Bäumen ist etwa zu berücksichtigen, dass sie genügend Wurzelraum haben und somit ein ihrer Art entsprechendes Kronenvolumen entfalten können. Und allgemein gilt natürlich: möglichst einheimisch und möglichst vielfältig.
Regenwasser als Ressource nutzen
Ein weiterer Anspruch der Zertifizierung ist ein nachhaltiger Umgang mit Wasser. So sollen neue Anlagen und Begrünungen möglichst so konzipiert sein, dass eine Bewässerung vermieden, reduziert oder mittels Regenwasser erfolgen kann. Zudem sollte sich die öffentliche Hand wo immer möglich dafür einsetzen, Regenwasser zu verdunsten, zu versickern oder zu speichern. Dabei kommt insbesondere Sickermulden, sickerfähigen Belägen oder dem Sammeln von Regenwasser eine zentrale Bedeutung zu.
Auch Private in die Pflicht nehmen
Ein grosses Anliegen ist Grünstadt Schweiz schliesslich die Verankerung von Anforderungen, die sich an Private richten. Eine gute Möglichkeit, solche Anforderungen in Form von konkreten Auflagen und Planungsziele verbindlich festzulegen, bieten anstehende Revisionen von Ortsplanungen. Bei dieser Gelegenheit kann die Grundlage dafür geschaffen werden, auch im privaten Bereich verschiedene Massnahmen wirksam umzusetzen. Beispiele dafür sind etwa ökologisch wertvolle Dach- und Fassadenbegrünungen, der Schutz von Nestern bestimmter Vogelarten oder die Förderung von einheimischen und klimatauglichen Stauden, Sträuchern und Bäumen in Privatgärten. Auch Sensibilisierung und Beratung tragen entscheidend dazu bei, dass Private von sich aus auf nachhaltige und ökologische Gärten setzen.
Langfristige Wirkung dank nachhaltiger Pflege
Wie diese (unvollständige) Aufzählung zeigt, bringt das Label Grünstadt Schweiz hohe und vielseitige Anforderungen mit sich. Oft benötigen die dabei vorgeschlagenen Massnahmen Zeit, bis sie ihre Wirkung voll entfalten. Sie müssen daher frühzeitig, langfristig und sorgfältig eingeplant werden und über alle Planungsphasen hinweg systematisch einfliessen.
Für das Erreichen der langfristigen Ziele ist darüber hinaus für eine entsprechende Form des Unterhalts und der Pflege zu sorgen. Nur wenn die im Unterhalt tätigen Personen wissen, welche konkreten Ideen und Absichten hinter der Entwicklung einer bestimmten Anlage stehen, können sie mit gezielten Pflegemassnahmen in diese Richtung arbeiten. Damit dies gelingt, ist ein Grünflächenmanagement nötig, das die entsprechenden Arbeitsschritte definiert und damit sicherstellt, dass alle Mitarbeitenden die richtigen Massnahmen ausführen. Ob es sich dabei um komplexe digitale Lösungen oder aber um einfache Pflegepläne in analoger Form handelt, hängt von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. Je nach Grösse einer Stadt oder Gemeinde können ganz unterschiedliche Formen zielführend sein.
Grünstadt Degersheim
In Degersheim, der bisher kleinsten Grünstadt der Schweiz, hat man mit dem Label bisher gute Erfahrungen gemacht. Es hat sich gezeigt, dass es gerade in einer kleinen Ortschaft relativ einfach möglich ist, Massnahmen zur Förderung der Biodiversität pragmatisch und unkompliziert umzusetzen. Ein Beispiel dafür ist die Neugestaltung der öffentlichen Entsorgungsstelle, in deren Rahmen praktisch ohne Aufwand und Kosten eine ökologisch wertvolle Ruderalfläche realisiert werden konnte. Aber auch andere Projekte wie Strassensanierungen, die Neuanlage von Unterflurbehältern oder Unterhaltsarbeiten an gemeindeeigenen Liegenschaften bieten gute Möglichkeiten, wirksame Massnahmen umzusetzen.
Bei der Umgestaltung einer Entsorgungsstelle in Degersheim wurde diese ökologisch wertvolle Grünfläche geschaffen. Bild: Gemeinde Degersheim
Darüber hinaus unterstützt die Gemeinde auch private Projekte. Ein vorbildliches Projekt ist in dieser Hinsicht die Naturoase Grauer-Wiese, die auf privater Basis mit finanzieller Unterstützung von Pusch realisiert werden konnte. Die Gemeinde stellte fachliche und beratende Unterstützung zur Verfügung. Zudem wurde immer dann, wenn Maschinen, Fahrzeuge oder Material benötigt wurden, der örtliche Werkhof hinzugezogen. So konnte das Projekt schliesslich mit vereinten Kräften realisiert werden. Und die so entstandene Oase kann sich sehen lassen. Sie ist eines von vielen Beispielen dafür, dass sich für Degersheim der Entscheid, eine Grünstadt zu werden, gelohnt hat.
Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 4/2022 erschienen.
Titelbild: Pusch