Ein neues Gesicht für Schlieren

Vom Bauerndorf zur Industriestadt, Strukturwandel, Zusammenbruch und die Erfindung einer neuen Identität – so erging es Schlieren in den vergangenen 120 Jahren. Aufeinander aufbauende Planungsinstrumente, welche Bevölkerung und Parlament abholen, sorgen dafür, dass die Visionen für mehr Lebensqualität auch umgesetzt werden können.
Um 1900 wurde aus dem Bauerndorf Schlieren im Limmattal eine stolze Industriestadt, denn es lag an der ersten Eisenbahnlinie der Schweiz. Die Industrieanlagen nahmen bald mehr Fläche ein als das eigentliche Dorf. Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung massiv an. Neue Quartiere entstanden, das Auto eroberte die Stadt. Dem Ausbau der Zürcher- und der Badenerstrasse auf bis zu sechs Spuren fiel der historische Dorfkern zum Opfer. Das Dorf verlor seine Mitte und damit seine Identität.
Der Strukturwandel in den 1980er-Jahren traf Schlieren besonders hart. Grosse Unternehmen wie Schindler schlossen ihre Tore, viele Arbeitsplätze gingen verloren. In den 1990er-Jahren schrumpfte die Bevölkerung. Zurück blieben riesige Brachen und eine verkehrsgeplagte Stadt ohne Gesicht, ohne Vergangenheit und ohne Perspektive.
Eine gesamtheitliche Strategie
Nach Neuwahlen im Jahr 2002 beschloss der Stadtrat zu handeln und verfasste ein visionäres Leitbild. Die wichtigsten Ziele waren mehr Lebensqualität durch Verkehrsberuhigung, Gestaltung des öffentlichen Raums und mehr Grün, eine eigenständige Identität und hochwertige Neubauwohnungen, um die Bevölkerungszusammensetzung positiv zu beeinflussen.
Die neuen Quartiere auf den ehemaligen Industriebrachen beidseits des Bahnhofs werden durch Grünraumstrukturen mit dem Stadtzentrum verbunden. Bild: Barbara Meyer
2003 erstellte das Planungsbüro Metron für das gesamte Gemeindegebiet ein Stadtentwicklungskonzept. Dieses zeigte auf, wie aus der gesichtslosen, verkehrsgeplagten Stadt ohne Mitte eine Wohn- und Arbeitsstadt mit hoher Lebensqualität werden sollte. Der Stadtentwicklungsprozess der ersten zehn Jahre basierte auf rund 30 Hektar grossen Industriebrachen an zentraler Lage beidseits des Bahnhofs. Die stillgelegten und grösstenteils leergeräumten Industrieareale „Schlieren West", "Färbi-Areal" und "Geistlich-Areal" wurden entlang von neuen Grünraumstrukturen zu neuen Quartieren mit hoher baulicher Dichte entwickelt, in denen Wohnen und Arbeiten gemischt wurden. Dies sorgt für kurze Wege und hat eine mobilitätsdämpfende Wirkung.
Verdichtung als politische Vorgabe
Die Sorge der Schweizer Bevölkerung um intakte Landschaften und den Erhalt von Grünflächen drückte sich in den letzten Jahren in der Annahme verschiedener Gesetze und politischer Vorstösse wie der Zweitwohnungsinitiative, der Kulturlandinitiative und der Revision des Raumplanungsgesetzes aus. Die Siedlungsentwicklung soll durch die Nutzung von inneren Reserveflächen und Verdichtung der bestehenden Bebauung erfolgen. Das gilt auch für Schlieren, das gemäss den Vorgaben des Kantons weiter wachsen soll. Damit dies nicht nur zu einer quantitativen Verdichtung, sondern auch zur Steigerung der Lebensqualität, zu vielfältigeren Angeboten und zur Entwicklung von tragfähigen Nachbarschaften führt, beschloss der Stadtrat 2015, das inzwischen umgesetzte Stadtentwicklungskonzept zu erneuern und die Bevölkerung dabei von Anfang an miteinzubeziehen. Denn nun sollte nicht mehr auf leeren Brachen, sondern im bebauten Gebiet verdichtet werden. Die qualitativ hochwertige Verdichtung entlang der zukünftigen Limmattalbahn und die Transformation der in die Jahre gekommenen Nachkriegsquartiere sollen das prognostizierte Wachstum auffangen.
Grundsätzlich bestehen folgende Möglichkeiten der Innenentwicklung:
Arrondieren am Siedlungsrand
Nachverdichten
Transformieren
In Ruhe lassen
Die letzte Kategorie mag überraschen, doch ein Blick ins Inventar der kulturhistorischen Objekte der Stadt Schlieren zeigt, dass gerade aus den 1950er-Jahren einige ikonische Gebäude vorhanden sind, deren Erhalt gegen eine Verdichtung abgewogen werden muss. So zum Beispiel das Locher-Haus am neu gebauten Stadtplatz, wo man sich aufgrund der zentralen Lage auch ein Hochhaus vorstellen könnte. Der Erhalt solcher Gebäude schafft Identität, er verbindet mit der Geschichte, dem Vertrauten, dem «Daheim». Und auch in intakten Quartieren mit hoher Freiraumqualität und sozialer Kohärenz sollte eine mögliche Verdichtung sorgfältig gegen bestehende Qualitäten abgewogen werden.
Jedoch existieren entlang der Achse der zukünftigen Limmattalbahn viele Gebiete mit Nachkriegsbauten, in denen Ersatzneubauten und die dazugehörenden Freiräume trotz Verdichtung mehr Wohnumfeldqualität erzeugen könnten.
Grossräumig denken, besser vernetzen
Bei der Erneuerung des räumlichen Leitbilds setzte Schlieren auf die Mitwirkung der Bevölkerung – letztlich muss diese sich mit Schlieren identifizieren können. Das in partizipativen Prozessen erfahrene Planungsbüro Albert Speer und Partner aus Frankfurt a.M. gestaltete den Prozess.
Grundsätzlich soll in der Stadtentwicklung grossräumiger gedacht werden: nicht in Arealen, sondern in Quartieren.
Die gute Verkehrserschliessung ist eine der Stärken von Schlieren. Verschiedene Verkehrsinfrastrukturen gliedern die Stadt bandartig: die zwei Bahnlinien, die zwei Kantonsstrassen, die neue Limmattalbahn, aber auch die Limmat und die Autobahn. Mit dem neuen Stadtentwicklungskonzept sollen die Bänder durch neue Querverbindungen für Fussgänger und Velofahrer miteinander und mit den beiden Naherholungsgebieten Schlierenberg und Limmatbogen verbunden werden.
Grundsätzlich soll in der Stadtentwicklung grossräumiger gedacht werden: nicht in Arealen, sondern in Quartieren. In der wachsenden Stadt braucht es mehrere, fussgängerorientierte Quartiere mit eigenen kleinen Plätzen und Parks, die soziale Nachbarschaften bilden. Hochhäuser sollen das Zentrum akzentuieren und die Gleisübergänge anzeigen. Auch an den Stadteingängen könnten Hochhäuser stehen. An den Hanglagen und in der Ebene abseits der Bahnlinie sind sie hingegen nicht mehr erwünscht. Das Gebiet rund um den Limmatbogen hat noch viel Potenzial als Naherholungsgebiet und soll aufgewertet werden.
Eine weitere Perle ist das Gaswerkareal an der Limmat mit seinen historischen Backsteinbauten und viel Platz für neue Nutzungen neben dem beliebten Kletterzentrum. Auch die Erweiterung des Stadtparks bietet grosse Chancen für einen weiteren attraktiven Baustein der neuen Mitte. Und schliesslich ist der Bahnhof grossräumiger zu betrachten und zu organisieren. Beide Seiten sollen zum Ankunftsort werden.
Verbindlichkeit schaffen
Das Stadtentwicklungskonzept ist die konzeptionelle Grundlage für alle baulichen und planerischen Entscheidungen des Stadtrates für die nächsten 20 Jahre.
2017 bis 2019 wurde auf der Basis dieser konzeptionellen Überlegungen ein kommunaler Richtplan Siedlung und Landschaft erarbeitet und 2019 dem Parlament zum Entscheid unterbreitet. Damit werden die übergeordneten Überlegungen behördenverbindlich. Der Parlamentsentscheid wird in Kürze erwartet. Die im Stadtentwicklungskonzept entwickelte und im kommunalen Richtplan behördenverbindlich präzisierte Verdichtungsstrategie ist die Grundlage für die Revision der Bau- und Zonenordnung. Erst damit kann die geordnete und einer hohen Lebensqualität verpflichtete Verdichtung an zentralen, gut erschlossenen Lagen durch die Grundeigentümer umgesetzt werden.
Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 1/2021 erschienen. Titelbild: Barbara Meyer