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Eine Investition in die Zukunft

Eine Menschenmenge hält die Hände in die Höhe und freut sich.

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6 Minuten Lesezeit

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Klimawandel, Ressourcenverbrauch und die bedrohte Artenvielfalt – wir stehen vor grossen Herausforderungen. Für ein Umdenken braucht es Engagement auf allen Ebenen. Die Erfahrung zeigt: Partizipation geht oft Hand in Hand mit nachhaltiger Entwicklung.

In der Schweiz berufen wir uns gern auf unsere lange demokratische Tradition. Demokratie und Partizipation sind quasi Teil der Schweizer DNA. Wir stimmen regelmässig ab, wir wählen Vertreter:innen in kommunale und kantonale Behörden und entscheiden auf Bundesebene mit, wer im Parlament die Geschicke des Landes leitet. Wir diskutieren lebhaft gesellschaftliche Fragen, bis im Idealfall ein breit abgestützter Konsens den Entscheidungsprozess erfolgreich abschliesst. Braucht die Schweiz wirklich noch mehr Partizipation? Unbedingt!

Beim nostalgischen Blick zurück geht meist vergessen, dass die Partizipation der Demokratie hierzulande schon immer einen Schritt voraus war. Bis zur Einführung des Frauenstimmrechts 1971 zählte überhaupt nur die Meinung der halben Bevölkerung. Auch heute noch sind grosse Teile der Bevölkerung von der politischen Demokratie ausgeschlossen. Doch sind sie Teil des Schweizer Alltags, sie formen und prägen diesen mit.

Einsatz von allen ist gefragt 

Die Schweiz hat sich zu den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung der Uno bekannt. Sie hat sich im Rahmen der Pariser Klimaziele dazu verpflichtet, bis 2030 ihren Treibhausgasausstoss gegenüber dem Stand von 1990 zu halbieren. Auch beim Schutz der Artenvielfalt besteht dringender Handlungsbedarf – grossflächige Massnahmen sind gefragt. Das wird ein Kraftakt und er gelingt nur, wenn wir gemeinsam und auf vielen unterschiedlichen Ebenen alle Hebel in Bewegung setzen.

Glücklicherweise sind Schweizer:innen – und damit sind für einmal alle gemeint, die hier leben – in immer grösserer Zahl bereit, sich zu engagieren. Sie tun das bereits heute in vielen Bereichen und auf unterschiedliche Art und Weise. Sie machen sich in Naturschutzvereinen für mehr Biodiversität stark, sie engagieren sich mit ehrenamtlicher Arbeit in Brockenhäusern oder Repair-Cafés für einen ressourcenschonenden Konsum oder fordern im Rahmen der Klimabewegung lautstark ein Umdenken – und viele leben dies im Alltag mit Überzeugung. Es tut sich etwas in der Zivilgesellschaft.

Mehr Nachhaltigkeit dank Partizipation 

Fragt man Menschen danach, wie sie Lebensqualität für sich selber definieren, gleichen sich die Antworten oft: wenig Verkehr, wenig Lärm, kurze Wege, viel Grün. Hohe Lebensqualität ist für viele unmittelbar mit einer intakten Umwelt, mit Suffizienz und einem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Leben verbunden. Entsprechend profitieren Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen, wenn die Bevölkerung mitredet.

Die Gemeinde Suhr (AG) hat dies erkannt. Sie rückt die Lebensqualität ins Zentrum des Denkens und Handelns und hat dafür die interdisziplinäre Stelle der Quartierentwicklung geschaffen. Ob bei Infrastrukturprojekten, Arealentwicklungen oder der Umgestaltung von Grünflächen, die Möglichkeiten der Partizipation werden von Beginn weg mitgedacht. Damit steigt die Akzeptanz bei den Betroffenen. Nachhaltigkeit mag dabei nicht immer im Zentrum der Diskussionen stehen, doch wird sie mitgedacht.

Klare Rahmenbedingungen helfen 

Partizipationsprozesse brauchen Zeit, sind aber eine wichtige Investition in die Zukunft. Wer die Bevölkerung einbezieht, schafft Vertrauen. Wem zugehört wird und wer mitgestalten kann, der übernimmt auch bereitwilliger Verantwortung – zum Beispiel mit freiwilligem Engagement, welches wiederum das gemeinschaftliche Zusammenleben fördert und direkt zu mehr Lebensqualität führt, individuell und kollektiv.

Übersichtliche Prozesse und klar definierte Ansprechpersonen können den Aufwand partizipativer Prozesse überschaubar halten, gerade wenn es darum geht, Initiativen aus der Bevölkerung aufzunehmen. Es lohnt sich, zunächst ein paar Fragen zu klären: Welche Form der Unterstützung kann die Gemeinde bieten? Unterstützen wir Projekte und Initiativen finanziell, zum Beispiel mit der Übernahme von Grafikkosten für Flyer? Bieten wir personelle Unterstützung in der Form von Beratung oder in der Kommunikation? Oder stellen wir Infrastruktur kostenlos zur Verfügung, etwa um ein Repair-Café durchzuführen?

Partizipationsprozesse sind eine wichtige Investition in die Zukunft.

Die Zürcher Gemeinde Schlieren hat für die Bearbeitung von Anfragen aus der Bevölkerung die Position des «Kümmerers» geschaffen. Im Rahmen der Zwischennutzung eines stillgelegten Strassenabschnitts bietet er unbürokratisch Hilfe an. Im direkten Austausch mit der Bevölkerung entsteht so eine zeitlich befristete Spielwiese, die innerhalb von festen Rahmenbedingungen Aufschluss darüber gibt, wie die Bevölkerung sich selber organisiert und welche Bedürfnisse vorhanden sind. In Schlieren versteht man die befristeten Aktionen deshalb als Teil der Planungsgrundlage für die spätere Entwicklung.

Ziele gemeinsam festlegen

Andere Gemeinden fragen ihre Bevölkerung ganz direkt nach ihrer Meinung, gerade auch bei langfristigen, gestalterischen Themen. Die Gemeinde Gaiserwald (SG) hat gar entschieden, die Legislaturziele nicht mehr im Sitzungszimmer des Gemeinderats festzulegen. Sie hat im Rahmen einer zukunftsorientierten Gemeindeentwicklung einen Diskussionsprozess angestossen, der die Wünsche, Anliegen und Bedürfnisse von Vereinen, Gewerbe und Bevölkerung in die Legislaturziele einfliessen lässt.

Dabei entstehen natürlich auch Erwartungen, die möglicherweise nicht erfüllt werden können. Umso wichtiger sind klare Rahmenbedingungen und ein transparenter Prozess. Wer die Handlungsfelder klar benennt, macht den Entscheidungsspielraum sichtbar. Es entsteht ein Dialog mit der Bevölkerung auf Augenhöhe und Raum für neue Blickwinkel. Der Fokus auf die gemeinsame Gestaltung der Zukunft setzt damit einen konstruktiven Rahmen. Externe Fachleute können dabei helfen und den Dialog mitgestalten und moderieren.

Partizipation 2.0

Und die Digitalisierung? Sie ist gekommen, um zu bleiben. Und für die Partizipation ist sie fast wie ein Geschenk: Es fällt zunehmend schwer, mit traditionellen Formaten – der Gemeindeversammlung, dem lokalen Anzeiger – jüngere Einwohner:innen anzusprechen. Doch die grossen Herausforderungen der Zukunft beschäftigen gerade jüngere Generationen. Geschickt eingesetzt, können digitale Elemente in der Kommunikation die Brücke zur jüngeren Bevölkerung schlagen. Und sie genau dort abholen, wo sie der Schuh drückt. Die Enkel:innen wollen die enkeltaugliche Zukunft mitgestalten. Lassen wir sie.

Der Artikel ist als Leitartikel im «Thema Umwelt» 2/2021 erschienen.
Titelbild: MYBLUEPLANET


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