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Praxisbeispiel

Klimaschutz im Tiefbau - Winterthur erprobt neue Wege

Ein Velofahrer und Autos auf Haldenstrasse mit Häusern und Gärten daneben.

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5 Minuten Lesezeit

Beschaffung

Praxisbeispiel

Wie gelingt Klimaschutz im Tiefbau? Ein Pilotprojekt der Stadt Winterthur zeigt den Weg: Bei der Sanierung einer 300 m langen Quartierstrasse wurde im Vorprojekt geprüft, wo sich Umweltbelastungen senken lassen – von der Planung über die Materialwahl bis zur Bauweise.

Winterthur verfolgt das Ziel, bis 2040 Netto Null zu erreichen. Auch die stadteigenen Hoch- und Tiefbauten sowie Anlagen der Stadtverwaltung sollen dazu beitragen. Das Vorprojekt zur Sanierung der Haldenstrasse folgt diesem Ansatz. Nachhaltigkeit soll von Beginn an mitgedacht und rechnerisch überprüft werden – mit Blick darauf, was dies für Materialwahl und Ausführung bedeuten könnte.

Nachhaltigkeitsbewertung

Mit der Durchführung des Vorprojekts und der Nachhaltigkeitsbewertung wurde das Ingenieurunternehmen Hunziker Betatech AG, Winterthur, beauftragt. Das Unternehmen hat ein eigenes Instrument für solche Nachhaltigkeitsbewertungen entwickelt. Die Methodik beurteilt das Tiefbauprojekt anhand von Umweltindikatoren wie CO2-Emissionen und Umweltbelastungspunkten und vergleicht die Projektlösung mit der Standardvariante, die vom Auftraggeber vorgegeben wird. Qualitative Aspekte wie Lärmemissionen, Aufwertungen in Form von Begrünung und Biodiversität werden mitberücksichtigt. Sie zeigt detailliert auf, wie stark Materialwahl, Bauweise und Logistik die Umweltbilanz beeinflussen – und wo gezielt angesetzt werden kann.

Im Rahmen des Vorprojekts der Haldenstrasse wurden nach etablierter Vorgehensweise rund 400 Tonnen CO2-Äquivalente sowie knapp 700’000 Umweltbelastungspunkte bilanziert. Diese Werte bildeten die Grundlage für die parallel durchgeführte Nachhaltigkeitsbewertung zur Optimierung im Sinne der Nachhaltigkeit.

Mit gezielten Anpassungen lassen sich bei der Haldenstrasse bis zu 40 Prozent der Umweltbelastungen vermeiden.

«Wir verstehen solche Bewertungen nicht als theoretische Trockenübungen, sondern als Werkzeuge für die Projektpraxis.»

Sebastian Bosson, Leiter Nachhaltigkeit bei Hunziker Betatech AG

Zu den wirksamsten Ansätzen gehören: 

  • Rohrumhüllung: Der Einsatz von Flüssigboden senkt die Emissionen um rund 25 Prozent. 

  • Rohrmaterial: Auf geeigneten Abschnitten reduzieren Betonrohre die Umweltbelastung gegenüber Polyethylen-Hochdichten-Rohren. 

  • Fundation (Oberbau): Recycling-Kiesgemisch anstelle von Korngemisch (Betonkies) spart Primärressourcen. 

  • Wiederverwendung: Randsteine und Aushubmaterial können erneut eingesetzt werden und stärken die Kreislaufwirtschaft. 

  • Einsatz von Asphalt mit hohem Anteil an Recyclingmaterial führen ebenfalls zu einer Reduzierung der Umweltbelastung.   

Vergleich der Treibhausgasemissionen zwischen der Standardvariante und der optimierten Variante in Tonnen CO2-Äquivalenten.

Bild-Legende: Vergleich der Treibhausgasemissionen zwischen der Standardvariante und der optimierten Variante. Die Berechnungen zeigen, dass insbesondere Rohrumhüllung und Rohrleitungen bei der Standardvariante die höchsten Emissionen verursachen. In der optimierten Variante fallen diese Anteile deutlich geringer aus, was auf ein relevantes Reduktionspotential im Leitungsbau hinweist.

Einige dieser Lösungen wirken aufwändiger als gewohnte Bauweisen, senken jedoch die Umweltbelastungen deutlich. Flüssigboden – ein zeitweise verflüssigtes, wiederverwendetes Aushubmaterial, das sich nach dem Einbau wieder verfestigt – stellt neue Anforderungen an Planung und Einbau, kann jedoch Ressourcen, Transporte und Entsorgung reduzieren. Gleichzeitig verändern sich auch die Rahmenbedingungen im Bauwesen. Städte verlangen beispielsweise vermehrt den Einsatz emissionsarmer E-Baumaschinen.

«Pilotprojekte wie dieses sind wichtig, um neue Ansätze unter realen Bedingungen zu prüfen und gemeinsam weiterzuentwickeln – sie entstehen dort, wo Auftraggebende bereit sind, neue Wege zuzulassen.»

Sebastian Bosson, Leiter Nachhaltigkeit bei Hunziker Betatech AG

Umweltfreundliche Planung

Auf Basis einer Nachhaltigkeitsbewertung werden Projekte nach Kriterien wie Klimaschutz, Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft bewertet. Dabei geht es nicht nur um die CO2-Bilanz, sondern auch um Aspekte wie blau-grüne Infrastrukturen, Trennung von Lebensräumen, Sicherheit und gesellschaftliche Auswirkungen. Sie gibt zudem Hinweise auf Massnahmen wie Verkehrsberuhigung, Entsiegelung oder barrierefreie Querungen, die den Alltag der Bevölkerung verbessern.

Wie geht es weiter?

«Die Ergebnisse der Nachhaltigkeitsbewertung werden nun amtsintern geprüft und gewisse Erkenntnisse sollten bereits in der nächsten Projektphase einfliessen», erklärt Armand Bosonnet, Leiter Projektierung & Realisierung des Tiefbauamts der Stadt Winterthur. Danach wären die ausführenden Planungsbüros und Unternehmen gefragt, sich mit den vorliegenden Erkenntnissen auseinanderzusetzen und aufzuzeigen, welche Massnahmen technisch, wirtschaftlich und organisatorisch umsetzbar sind. Für die Stadt ist dabei zentral, in welchem Umfang die errechnete Reduktion der Umweltbelastung von bis zu 40 Prozent realisiert werden kann. Nach Abschluss der Bauarbeiten ist eine erneute Bilanzierung vorstellbar: Welche Massnahmen wurden umgesetzt, welche nicht – und aus welchen Gründen? Daraus können konkrete Schlüsse für künftige Projekte gezogen werden.

«Es ist uns bewusst, dass die bestehenden Richtlinien im Tiefbau auf breit abgestützten fachlichen Prozessen beruhen und die anerkannten Regeln der Technik abbilden. Je mehr solche konkreten Analysen aber durchgeführt werden, desto mehr Wissen können wir als Branche und für mögliche Anpassungen sammeln.»

Sebastian Bosson, Leiter Nachhaltigkeit bei Hunziker Betatech AG

Das Projekt aus Winterthur ist ein Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeitsziele im Tiefbau angegangen werden können. An der Haldenstrasse sind zurzeit noch keine Bagger aufgefahren. Die Quartierstrasse ist aber bereits jetzt ein wertvolles Beispiel dafür, was im Tiefbau möglich wird, wenn Nachhaltigkeit im Vorprojekt bewusst und rechnerisch untersucht wird.


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