Leuchtturmprojekt Natur- und Erlebnisweiher Reinach

Auf dem Areal der ehemaligen ARA Reinach ist eine siedlungsnahe Weiherlandschaft entstanden, die Naturräume und Naherholung vorbildlich verbindet. Das Leuchtturmprojekt ist ein Meilenstein im gemeindeübergreifenden Aktionsplan zur Stärkung der Birslandschaft.
Im Birstal vor den Toren von Basel wohnen verteilt auf die Gemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Münchenstein, Muttenz, Pfeffingen und Reinach 75'000 und arbeiten 44'000 Menschen. Die Birs durchzieht das weitgehend zusammenhängende Siedlungsband auf seiner ganzen Länge als grünblaues Rückgrat.
Die Bedeutung dieses verbindenden Grünraums wurde bereits vor zehn Jahren im gemeindeübergreifenden Planungsprozess der acht Birsstadt-Gemeinden erkannt. Denn er steht als zentral gelegener Natur- und Erholungsraum im Spannungsfeld von Schutz- und Nutzungsinteressen. Mit dem Ziel, die vielfältige Biodiversitätzu fördern und die Balance zwischen Schutz und Nutzung zu halten, haben die Gemeinden zusammengespannt und mit dem Aktionsplan Birspark Landschaft ein gemeindeübergreifendes, handlungsorientiertes Landschaftskonzept erarbeitet. Dieses umfasst ein Massnahmenpaket, welches mit Hilfe von Leuchtturmprojekten die Ansprüche von Natur und Naherholung beispielhaft verknüpft.
Erholungs- und Lebensraum gestalten
Einen ersten Grundstein zum Leuchtturmprojekt Natur- und Erlebnisweiher hatte die Gemeinde Reinach bereits in der Revision der kommunalen Landschaftsplanung gelegt, als sie die durch den Rückbau der ARA Reinach entstandene Brache als Grünraum mit der Zweckbestimmung Umweltbildung und Naturerleben definierte. Im Rahmen der rechtlichen Mitwirkung haben lokale und regionale Naturschutzorganisationen die Chance genutzt, die Projektidee einer Weiheranlage ausgearbeitet und ins Verfahren eingebracht. Die Gemeinde hat die Idee aufgenommen und im Aktionsplan verankert. Um die unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen zusammenzubringen, wurden mit einem partizipativen partizipativen Ansatz unter Beteiligung der unterschiedlichen Akteure wie Fischervereinen, Naturschutzorganisationen und Jugendarbeit die Stossrichtung und auch die Chancen und Risiken des Projekts diskutiert.
Um die verschiedenen Sichtweisen einzubinden, wählte die Gemeinde Reinach einen partizipativen Ansatz.
Vier Planungsteams der Landschaftsarchitektur wurden eingeladen, im Rahmen eines qualitativen Verfahrens (Studienauftrag) die Gestaltung dieses Ortes als Natur- und Erholungsraum gemäss den Vorgaben zur Artenförderung und der wasserbaulichen Konzeption zu entwerfen. Aufgabe war es aufzuzeigen, wie sich der Ort über die Jahre verändert und welche steuernden Massnahmen für eine natürliche Rückkehr der standorttypischen Tier- und Pflanzenarten (Sukzession) zu ergreifen sind. Auch zur Lenkung der Nutzungsintensität und zum Schutz der Naturvorrangfläche waren Aussagen zu machen. Und es galt, ausreichend grosse, einfach und kostengünstig zu pflegende Flächen zu konzipieren.
Der Studienauftrag wurde durch die Jury eng begleitet. Bei einer Zwischenpräsentation der Studienentwürfe konnten die Arbeiten mit den einzelnen Teams gemeinsam reflektiert und geschärft werden. Das Team, welches die Aufgabe für Mensch und Natur am geschicktesten gelöst hatte, wurde in der Folge von der Gemeinde Reinach mit der Umsetzung des Projekts beauftragt.
Arten fördern und Besucher lenken
Als Ersatz für die einst verbreiteten Lebensräume der Birsauen standen die Schaffung von Stillgewässern mit ihrer Wasser- und Ufervegetation sowie von trocken-warmen Schotter- und Ruderalflächen im Zentrum. Mit der Auswahl der prioritären Leitarten Ringelnatter und Widderchen (Schmetterling) wurden Organismen gewählt, deren Förderung auch zahlreichen anderen Arten zugutekommt. Um das künftige Monitoring einfach zu halten, wurde auch für die Pflanzen eine überschaubare Anzahl von Zielarten definiert. Die Lebensraumansprüche dieser Arten und die Ausführung des Projekts mit dem vor Ort vorgefundenen Birsschotter wurden schon im Studienauftrag vorgegeben.
Mit einem Flechtzaun aus Astmaterial wird eine einfache Lenkung der Besucherinnen und Besucher zu Wasser und zu Land möglich. Im der Birs zugewandten Bereich vor dem Zaun ist das Betreten der Weiherlandschaft auf einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern erlaubt. Dahinter bleibt für Flora und Fauna eine rund 3200 Quadratmeter grosse Rückzugszone erhalten. Infotafeln vermitteln Wissenswertes zu den geförderten Arten und weisen auf die Spielregeln für ein behutsames Entdecken und friedliches Miteinander von Mensch und Natur hin. Von der Aussichtsplattform bleibt der Blick auch ins abgezäunte Areal frei. Das Weiherprojekt in direkter Nachbarschaft zum grossen Schutzgebiet Reinacherheide soll nicht zuletzt den Besucherdruck auf die dortigen Trockenwiesen von nationaler Bedeutung abfedern.
Sensibilisierung für Naturwerte und Naturprozesse
Ein wichtiges Ziel des Projekts ist es, das Erleben von Naturprozessen und das Lernen aus eigener Beobachtung zu fördern. Insbesondere Familien und Kinder sollen hier in unmittelbarer Nähe der Siedlung Natur spielerisch und individuell entdecken können.
Der gut zugängliche Weiherbereich lädt Jung und Alt zum Entdecken ein. Bild: Marc Bayard
Die Veränderung des Ortes im Laufe der Sukzession soll für die Besucherinnen und Besucher über die Zeit sichtbar sein. Weiher und Initialbepflanzungen wurden zu diesem Zweck in einem geometrischen Raster angelegt und die künftige freie Ausbreitung der Vegetation wird anhand der Verwischung dieses Grundmusters augenfällig wahrnehmbar. Der Mensch wird mit Pflegeeingriffen die Sukzession mitsteuern. Ziel ist es, durch abschnittsweise Pflege der Weiher verschiedene Reifestufen zu erreichen. Dies ermöglicht gleichzeitig Einblicke in unterschiedliche Entwicklungen.
Erfolgsfaktor Zusammenarbeit
Ausgehend von einer soliden wasserbaulichen Projektskizze und vom konzeptionellen Rahmen des Aktionsplans Birspark Landschaft, konnte die Gemeinde mit der klaren Formulierung von ökologischen und freiräumlichen Vorgaben ihren Handlungsspielraum bei der Ausschreibung des Studienprogramms nutzen. Auch die Jury, welche mit Fachkompetenzen aus Landschaftsarchitektur, Wasserbau, Naturschutzbiologie und Jugendarbeit breit aufgestellt war, unterstützte die interdisziplinäre Herangehensweise.
Die gute Verankerung in der Bevölkerung und die aufbauende Zusammenarbeit mit dem lokalen Naturschutzverein waren ein grosser Vorteil im politischen Entscheidungsprozess. Die Sicherstellung der Finanzierung mit Stiftungen und Institutionen als Finanzierungspartner war zwar aufwendig, schaffte aber Vertrauen und machte das Projekt mit Baukosten von 520'000 Franken für die Gemeinde tragbar. In der Ausführung hat der Einbezug der Praxiskompetenz des Werkhofs zu robusten und einfachen Lösungen geführt, beispielsweise bei der Wahl der Sitzgelegenheiten. Die gewählte grosszügig gerasterte Form des Areals ermöglicht eine einfache Pflege und Ablassvorrichtungen der Weiher vereinfachen den Unterhalt. Die in Zusammenarbeit mit Vereinen aufgegleisten Raumpatenschaften schaffen Goodwill und helfen, die Anlage abfallfrei zu halten. Die durch den Flechtzaun im Wasser wie zu Land erstellte Abgrenzung funktioniert. Sie ist zudem eine ökologisch wertvolle Kleinstruktur und kann mit anfallendem Schnittgut einfach ergänzt werden.
Die neu entstandene Natur- und Erlebnisweiherlandschaft verbindet ökologische, wasserbauliche, landschaftsarchitektonische und pädagogische Aspekte. Wasser wird zum Gestaltungselement, Ökologie wird zum Gestaltungsfaktor und Naherholung erhält einen ökologischen und umweltpädagogischen Mehrwert.
Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 1/2021 erschienen.
Titelbild: Noah Ulrich