Mehr Raum für Mensch und Natur

Naturnah gestaltete Grünräume im Siedlungsraum sind eine Chance für die Artenvielfalt. Doch weit gefehlt, wer denkt, es ginge nur um Naturschutz. Das Erleben von Natur im Siedlungsraum hat positive Auswirkungen auf unser mentales, körperliches und soziales Wohlbefinden.
Der bekannte Geobotaniker Elias Landolt (1926–2013) hat allein im Stadtkern von Zürich rund 600 Pflanzenarten festgestellt. Auf begrünten Dächern von Basel ergab eine Untersuchung 254 Käfer- und 78 Spinnenarten. Mitten in der Stadt Solothurn fand sich in einer alten Allee ein Vorkommen des Eremiten, eines Käfers, der normalerweise nur in sehr alten Wäldern lebt. Ebenfalls in Solothurn wurden in einem kleineren Privatgarten 119 Bienenarten gezählt. Bei der «Stunde der Gartenvögel» im 2021, einer schweizweiten Zählaktion von «BirdLife Schweiz», stellte man 163 Vogelarten in Gärten und Parks fest, in einem Garten sogar 45 Arten, im Schnitt 9 bis 10 Arten.
Steht es demnach gut um die Artenvielfalt im Siedlungsraum? Die Stadt, das Wildtierparadies im Gegensatz zum Kulturland? Bei näherer Betrachtung relativiert sich dies. Viele Arten kommen nur in Gebieten vor, welche entweder vor langer Zeit entstanden sind, wie alte Alleen oder Villenquartiere mit einem alten Baumbestand, oder in neuerer Zeit ganz bewusst naturnah angelegt wurden.
Die moderne Siedlung ist ein Ödland Trotzdem beweisen solche Zahlen, dass der Siedlungsraum Potenzial für Lebensräume hat, wenn er entsprechend gestaltet ist. Doch zeigt ein Blick in ein durchschnittliches Neubauquartier heute vielerorts eine grosse Öde. Verdichtete und hermetisch abgeschlossene Flachdach-Bauten mit grossen versiegelten Flächen davor, wenige Rasenflächen mit einer Kirschlorbeer- oder Hagebuchenhecke gesäumt sowie einige Bäume von anderen Kontinenten. Das bildet die Ausstattung einer modernen Siedlung, welche gegen die Strassen hin mit Sicht- oder Lärmschutzwänden abgeschirmt ist. Ausser Verkehrslärm oder lautstarker Musik aus einem Fenster ist kaum etwas zu hören, nichts krabbelt, kriecht oder fliegt. Kinder spielen auf kleinen Spielplätzen mit fixen Turngeräten mit einer weichen Matte darunter. Niemand wundert sich, dass bei solchen Voraussetzungen sogar die Bestände des Haussperlings, eines der anpassungsfähigsten Tiere im Siedlungsraum, vielerorts um 20 bis 50 Prozent zurückgegangen sind. Zunehmend häufen sich aber auch Studien, welche aufzeigen, dass Kinder heute oftmals verringerte motorische Fähigkeiten aufweisen und Defizite in der Sozialkompetenz und der Sprachentwicklung haben.
Mehr Vögel fürs Wohlbefinden
Gibt es zwischen einer hohen Biodiversität im Siedlungsraum und der menschlichen Entwicklung und Gesundheit Zusammenhänge? Eine englische Studie, bei der bei 270 Personen die mentale Gesundheit und das Vogelleben in deren Umgebung verglichen wurde, ergab Spannendes: Je mehr Vogelarten in der Umgebung vorkamen, desto geringer war das Risiko gestresst, verängstigt oder depressiv zu werden. Wo viele Vögel vorkommen, wachsen auch viele einheimische Büsche und Bäume, was offenbar auch einen positiven Effekt auf die menschliche Psyche hat. Zudem bewegen sich die Menschen in einer grünen Umgebung mehr, was das Risiko für Kreislauf-, Herz und Zuckererkrankungen senkt. Grüne Natur wirkt stressmindernd, das Wahrnehmen des Vogelgesangs und das Beobachten von Tieren führt zu einer stärkeren Achtsamkeit der Mitwelt gegenüber. Der Aufenthalt im Freien fördert darüber hinaus Sozialkontakte.
Grüne Natur wirkt stressmindernd, das Wahrnehmen des Vogelgesangs und das Beobachten von Tieren führt zu einer stärkeren Achtsamkeit der Mitwelt gegenüber.
In Deutschland wurden Studien mit Kindern durchgeführt, bei denen sie die Möglichkeit erhielten, in Industriebrachen mit viel Natur zu spielen. Es zeigte sich, dass diese Kinder beim Lösen von Problemen untereinander ihre Sozialkompetenz und die Motorik deutlich verbesserten.
Gärten sind der unmittelbare Spielbereich der Kinder. Je vielfältiger diese gestaltet sind und je mehr Strukturen wie Hecken, Bäume, Blumenwiesen, Kies- und Sandflächen, Feuchtstellen sowie Asthaufen sie aufweisen, umso reichhaltiger ist die Tierwelt und umso grösser sind die Spielmöglichkeiten für Kinder. Sie gehen hier regelrecht auf Safari und entdecken, erforschen, gestalten. Dieser Forscherdrang ist bei fast allen Kindern vorhanden. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder auf naturnahen Spielplätzen kommunikativer, innovativer und gesünder sind als Kinder, welche kaum draussen spielen können. Zudem kommen sie direkt von klein auf mit der Natur in Kontakt und lernen sie kennen und schätzen.
Mit mehr Grün dem Klima trotzen
Auch angesichts des Klimawandels rücken Frei- und Grünräume in Siedlungen in den Fokus. Im Schatten unter Bäumen ist es wesentlich erträglicher als auf einer auf 60 Grad aufgeheizten Asphaltfläche. Pärke mit Bäumen kühlen die Umgebung um einige Grade ab. Liegen solche Grünzonen in den Hauptwindrichtungen ergibt sich ein zusätzlicher Kühleffekt. Werden Grünräume mit einheimischen, trockenresistenten Bäumen gestaltet, findet sich auch eine reichhaltige Fauna ein – vor allem mit zunehmendem Alter der Bäume.
Leider ist die Ansicht verbreitet, aufgrund des Klimawandels seien exotische Baumarten gefragt, da diese trockenresistenter seien. Diese Arten sind jedoch nicht in unser Ökosystem eingepasst. Auch einheimische Baumarten können mit den zukünftigen Klimabedingungen zurechtkommen. Weniger Versiegelung, eine Kombination von Wasserspeichern und gezielter Bewässerung und vor allem wesentlich grössere Wurzelräume sind Schlüsselfaktoren, um einheimischen Bäumen das Überleben zu erleichtern. Bei Strassenbäumen empfehlen sich Baumstreifen mit einer Blumenwiese oder einheimischen Stauden. In Privatgärten ist darauf zu achten, dass diese nicht komplett mit Garagen unterbaut sind und der Grenzabstand für grosse Bäume in gegenseitiger Absprache mit den Nachbarn verkleinert werden kann.
Blumenwiesen unter den Bäumen oder zwischen Baumgruppen liefern zahlreichen Insekten Nahrung und Raupenfutterpflanzen. Kleinstrukturen wie Sandlinsen, Asthaufen, Tümpel und Teiche bieten vielen zusätzlichen Arten Lebensraum. Muss man einen älteren Baum fällen, so sollte dieser idealerweise liegen bleiben. Denn auch im toten Holz leben Insekten, Käfer, Flechten und Pilze und für Kinder ist ein solcher Baum ein begehrtes Turngerät.
Beobachten im Hier und Jetzt
Auch für den Aufbau der ökologischen Infrastruktur sind naturnah gestaltete Freiräume enorm wichtig, sei es als Kerngebiete, Trittsteine oder Vernetzungselemente. Gewässer in Form von Teichen, Bächen, Flüssen oder Seen spielen dabei neben den Grünräumen eine zentrale Rolle. Es ist jedoch darauf zu achten, dass auch ruhige Ecken für Tiere in solchen Grünzonen oder entlang von Gewässern entstehen. Es können sogar Schutzgebiete errichtet werden, wo Tiere Vorrang haben und die Menschen mit entsprechenden Massnahmen so gelenkt werden, dass sie nicht stören, und somit ein viel grösseres Naturerlebnis haben. Wer freut sich nicht, wenn er einem Eisvogel aus der Nähe beim Fischen, einer Schar Distelfinken beim Samenfressen oder einer Eidechse beim Sonnen auf einer Trockenmauer zusehen kann? Das Beobachten von Tieren hat einen wohltuenden Effekt und erhöht die Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber. Einige Studien belegen, dass auch Aggressionen durch den Aufenthalt in Grünräumen gemindert werden. Fast jede grössere Stadt hat einen grossen Park oder sogar Schutzgebiete. So gibt es mitten in London ein grosses Feuchtgebiet mit Beobachtungsanlagen, welches von zahlreichen Familien frequentiert wird. Hier können sich Mensch und Natur entfalten. Wir werden künftig vermehrt solche Naturräume im Siedlungsraum brauchen. Dies erfordert eine Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure aus Planung, Unterhalt, Gesundheitsförderung und Biologie.
Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 4/2021 erschienen.
Titelbild: BirdLife Schweiz