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Gemeinden
Biodiversität
Praxisbeispiel

Natur zum Naschen

Ein Steinhaufen in einem Hang in Lichtensteig

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6 Minuten Lesezeit

Biodiversität

Praxisbeispiel

Die Gemeinde Lichtensteig will mehr Biodiversität im Städtli. Doch nicht nur Pflanzen und Tiere sollen profitieren, auch den Menschen will sie die Natur schmackhaft machen. Dazu entstehen Oasen für Geniesser – zum Anfassen, Essen und Erleben. 

In Lichtensteig (SG) sollen die knapp 1900 Einwohner:innen «leben und nicht nur wohnen wollen». So formuliert es die Strategie «Mini.Stadt 2025» der Toggenburger Gemeinde. Sie beinhaltet Ziele in allen Lebensbereichen, von den Finanzen bis zur Kultur. Natürlich darf darin auch die Biodiversität nicht fehlen. 

«Häufig denkt die Bevölkerung, es gebe ja schon so viel Wald rundherum. Doch damit ist es noch nicht getan», betont Sarah Brümmer, Grünstadt-Beauftragte in Lichtensteig. Es brauche viel mehr, um die Artenvielfalt zu erhalten, zum Beispiel mehr Trockenmauern oder Blumenwiesen im Siedlungsraum. In Lichtensteig existiere glücklicherweise noch eine Population der Geburtshelferkröte, auch bekannt als Glögglifrosch, oder des Mauerseglers. Die beiden Arten stehen jedoch auf der roten Liste der bedrohten Tierarten.  

Im Rahmen ihres Engagements für die Biodiversität hat sich die Gemeinde das Grünstadt-Label zum Ziel gesetzt. «Wir sind keine grosse Gemeinde, aber wir möchten unsere Flächen optimal nutzen. Das macht unsere Lösungen kreativ», ist Brümmer überzeugt. Das Ziel sei, auch den kleinsten Flächen, die in grösseren Städten vielleicht vergessen gingen, so viel wie möglich zu entlocken. 

Für Geniesser aller Art 

Für die Gemeinde ist wichtig, dass Mensch und Natur sich begegnen. Denn: «Wer sich als Teil von seiner Umwelt fühlt, sorgt sich auch mehr um sie», betont Brümmer. Unter dem Projektnamen «Genuss für Mensch und Natur» will Lichtensteig die Natur für die Bevölkerung erlebbar und für die Tierwelt attraktiver gestalten. Genuss ist dabei wörtlich zu verstehen: Wer will, kann sich beim Spaziergang an Beerensträuchern oder Birnenbäumen bedienen, beim Mini-Apothekengarten etwas über Heilkräuter lernen oder die eigenen Rezepte mit essbaren Wildkräutern aufpeppen. Gleichzeitig entstehen dadurch Oasen für Insekten, Amphibien oder Vögel. 

Eine Wiese in Lichtensteig.

Die Sträucher im Naschgarten erfreuen Menschen und Tiere. Bild: Pusch

Eine solche Naturoase für Mensch und Tier ist der Floozhang am Fusse der kleinen Altstadt. Neu durchquert ein «Naschweg» den steilen Hang. Seit Anfang 2021 stehen hier verschiedene Sträucher, beschriftet mit kleinen Etiketten. «Dem Weg entlang haben wir Wildobst in seiner Kulturform gepflanzt, zum Beispiel Felsenbirne, Sanddorn, Berberitze oder Hasel, und in der Reihe dahinter jeweils die Wildform des gleichen Strauchs», erklärt Sarah Brümmer. Nächstes Jahr sollen Spazierende hier von den Sträuchern am Wegrand naschen und die dahinter gepflanzte Wildform kennenlernen können. Gleichzeitig bieten die wilden Sträucher eine Oase für Vögel. «Dass die Früchte essbar sind, ist uns wichtig. So können sich die Menschen der Natur näher fühlen.» Dadurch werden Bäume und Sträucher beim Spaziergang auf andere Weise erlebbar. 

Wo Frösche überwintern 

Ergänzt wird der Naschweg durch Steinstrukturen. Am auffälligsten ist die Steinlinse im grünen Hang. Sie besteht aus unterschiedlich grossen Steinen und reicht einen Meter tief in den Boden. Zwischen den Steinen finden Amphibien einen Rückzugsort für die Überwinterung. Die Temperatur bleibe in einem Meter Tiefe relativ konstant und biete den Amphibien so ein gutes Überwinterungsquartier, erklärt Brümmer. «Damit der Frosch oder die Kröte aber nicht selbst so tief graben oder sich anderswo passende Löcher zum Überwintern suchen müssen, haben wir die Steinlinse gebaut.» 

Der Werkhof realisierte die Steinlinse zusammen mit dem Zivilschutz. Die Lage am steilen Hang verlangte den Beteiligten einiges ab: «Viel Muskelkraft war gefragt, aber es ging natürlich nicht ohne Maschinen.» Beim Ausbaggern des Lochs war wichtig, dass die Wände nicht im 90-Grad-Winkel in das Loch hinabführen. «Die Tiere sollen darin nicht gefangen werden. Deshalb müssen die Wände schräg abfallen, sonst kommen die Amphibien nachher nicht mehr raus», so Brümmer. Für eine abwechslungsreiche Struktur wurden zudem unterschiedliche Steingrössen ausgesucht. So finden die Amphibien je nach Bedarf engere und offenere Bereiche innerhalb des Steinhaufens. Gleichzeitig sei wichtig, dass sich kein Wasser darin sammeln könne, betont die Grünstadt-Beauftragte. Der Untergrund der Steinlinse sollte also leicht nach unten geneigt sein. 

Platz zum «Sünnele» 

Die Steine am Floozhang sind neben Winterquartier auch angenehme Sonnenplätze im Sommer, auf denen sich die Amphibien aufwärmen können. Mit der Hangausrichtung gegen Süden ist eine gute Sonneneinstrahlung gewährleistet. «Ausserdem haben wir bei der Planung der anderen Strukturen darauf geachtet, dass auch in Zukunft keine Sträucher oder Bäume plötzlich unerwünschten Schatten auf die Steine werfen», sagt Brümmer. So biete der Floozhang den Tieren Lebensraum für einen ganzen Lebenszyklus, im Sommer in der Sonne, im Winter innerhalb der Steinlinse geschützt vor Frost. 

Strategisch gut gelegen ist die Naturoase am Floozhang aber nicht nur wegen der Südausrichtung. «Wir haben hier schon ein grosses Amphibienvorkommen. In der Nähe gibt es zum Beispiel ein Feuersalamander-Laichgewässer.» Im Hang seien viele Frösche, Kröten und Eidechsen anzutreffen. «Mit dieser Oase reagieren wir also auf etwas, das sich hier bereits abspielt und werten den Lebensraum auf.» 

Biodiversität als Lebenseinstellung 

Einheimische Sträucher, biodiversitätsfördernde Strukturen und die direkt erlebbare Natur durch den Naschweg – am Floozhang kommt vieles zusammen. Die Grünstadt-Beauftragte zeigt sich zufrieden mit dem Ergebnis: «Das Zusammenspiel zwischen sichtbaren Massnahmen für die Menschen und wertvollen Strukturen für die Tiere gefällt mir an dieser Naturoase besonders.» 

Die Aufwertungen am Floozhang fügen sich in eine Vielzahl von biodiversitätsfördernden Massnahmen ein, die die Gemeinde in den letzten Jahren angepackt hat und teilweise gerade plant. Darunter sind eine Streuobstwiese, die langfristig mit Strukturen und Nistkästen ergänzt werden soll, und ein Geburtshelferkröten-Laichgewässer, umgeben von heimischen Sträuchern. Beide geplanten Oasen will Lichtensteig im Zeitraum 2022/2023 umsetzen. Nicht zuletzt mit dem Ziel, das Grünstadt-Label zu erreichen. Die Gemeinde befindet sich derzeit im Zertifizierungsprozess. «Das Label hilft uns, das Thema Biodiversität langfristig noch mehr zu verankern.» Dass der Anstoss zur Zertifizierung ursprünglich aus der Bevölkerung kam, ist für Sarah Brümmer eine gute Basis. Sie wünscht sich, dass die Biodiversität als Gefühl zum Alltag der Lichtensteiger:innen wird. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 4/2021 erschienen. 


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