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Abfall und Konsum
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Die neue Bescheidenheit

Attraktive gemeinschaftliche Räume statt grosse private Wohnflächen – so das Konzept der Genossenschaft Kalkbreite in der Stadt Zürich.

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Lange bevor das Konzept der Suffizienz erfunden wurde, machten Genossenschaften vor, wie man bescheiden mit Ressourcen umgeht. Heute gehören sie zu den Vorreiterinnen, wenn es um innovative und nachhaltige Siedlungskonzepte geht. Und sie beweisen, dass ein suffizienter Lebensstil keine Abstriche an die Wohnqualität bedeutet – im Gegenteil. 

Bescheidenheit ist bei Wohnbaugenossenschaften Teil der DNA – und das seit über hundert Jahren. Die Gründer der ersten Wohnbaugenossenschaften schlossen sich zusammen, um in gemeinsamer Selbsthilfe «preiswerte und gesunde Wohnstätten» zu schaffen. Schon damals beschäftigten sie sich intensiv mit der Frage, wie rationell und dennoch gut gebaut werden kann. Das Resultat sieht man in den Wohnungen und Reihenhäusern aus den 1920er- und -30erJahren: Sie sind klein und bis in den letzten Winkel grundrissoptimiert. 

Wohnfläche reduzieren  

Auch heute spielt die Kostenfrage beim genossenschaftlichen Wohnungsbau eine wichtige Rolle. Schliesslich ist es nach wie vor ein erklärtes Ziel der Wohnbaugenossenschaften, preisgünstigen Wohnraum zu erstellen. Daneben sprechen für die Genossenschaften zunehmend auch ideelle Gründe für eine Beschränkung: Die natürlichen Ressourcen sind begrenzt, und der knappe Platz muss besser genutzt werden. Gebäude brauchen viel Siedlungsfläche und verursachen fast die Hälfte des Schweizer Energieverbrauchs und der CO₂-Emissionen. 

Wohnbaugenossenschaften tragen mit ihren Siedlungskonzepten einiges zu einem suffizienten Lebensstil bei. Ein effizienter Hebel ist zum Beispiel die Steuerung des Wohnflächenverbrauchs. Für mehr als zwei Drittel aller Genossenschaftswohnungen gelten Belegungsvorschriften. So liegt der durchschnittliche Wohnflächenverbrauch bei Genossenschaften bei 36 Quadratmeter pro Person. Das sind rund sechs Quadratmeter weniger als bei anderen Mietwohnungen und 16 Quadratmeter weniger als beim Wohneigentum. Einige, wie etwa die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich oder die Genossenschaft Zimmerfrei in Basel, gehen noch weiter und setzen Obergrenzen von 35 beziehungsweise 45 Quadratmeter pro Person. Im Gegenzug bieten sie attraktive gemeinschaftlich nutzbare Flächen sowie zumietbare Räume wie Gästezimmer, Büroräumlichkeiten oder Musikzimmer an. 

Wohnbaugenossenschaften tragen mit ihren Siedlungskonzepten einiges zu einem suffizienten Lebensstil bei.

Nicht minder wichtig ist das Wohnungsangebot. Angesichts der steigenden Zahl an Einpersonenhaushalten und zunehmend älteren Bevölkerung wären mehr Ein- und Zweizimmerwohnungen sinnvoll. Diese sind allerdings eher flächenintensiv. Genossenschaften liefern auch auf diese gesellschaftliche Herausforderung eine Antwort und bieten neue Wohnformen wie Clusterwohnungen, Grosshaushalte oder Mehrgenerationenwohnen an.  

Bewohnerschaft sensibilisieren  

Wie viel Heizenergie, Warmwasser und Strom genutzt werden – sei es in einem sparsamen Neubau oder einem ineffizienten Altbau – hängt allerdings auch wesentlich vom Verhalten der Mieterinnen und Mieter ab. Verschiedene Wohnbaugenossenschaften haben erkannt, dass es sich lohnt, hier anzuknüpfen. So haben sie beispielsweise Zähler installiert, an denen alle Bewohner:innen selber ablesen können, wie viel Wasser sie verbrauchen. 

Die Erfahrungen zeigen aber auch: Es ist nicht einfach, Gewohnheiten der Mieterschaft aufzubrechen. Die Zürcher Stiftung für kinderreiche Familien hat mit ihrem Projekt «Energiesparlotsinnen und -lotsen» deshalb einen etwas anderen Weg gewählt. In der Siedlung rekrutierte Energiesparlotsen gaben ihren Nachbarinnen und Nachbarn Tipps für ein sparsameres Verhalten und überreichten ihnen stromsparende Hilfsmittel wie LED-Leuchten oder Standby-Schalter – mit dem Resultat, dass diese knapp fünf Prozent weniger Strom verbrauchten. 

Mobilität überdenken  

Neben der Wohnfläche und dem Energieverbrauch im Gebäude spielt die Mobilität eine grosse Rolle. Autofreie oder autoarme genossenschaftliche Siedlungen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung Sihlbogen der Zürcher Baugenossenschaft Zurlinden beispielsweise erhalten im Gegenzug zum Verzicht auf ein eigenes Fahrzeug einen Railcheck, mit dem sie ein Abonnement für den öffentlichen Verkehr kaufen können. 

Wichtig ist auch eine gute Nahversorgung: Verschiedene Genossenschaften führen siedlungseigene Lebensmitteldepots oder kleine Lebensmittelläden. Oder sie kaufen gemeinsam bei einem Landwirtschaftsbetrieb ein. Immer mehr Personen bauen das Gemüse gleich selber an: Sei es in grossen Pflanztöpfen auf der Dachterrasse oder am Boden zwischen den Häusern – Urban Gardening ist beliebt. Die eigene Produktion an Gemüse ersetzt zwar nicht den wöchentlichen Einkauf, wohl aber einen Teil des Freizeitverkehrs.  

Die Siedlung Oberfeld in Ostermundigen BE mit einem Aussenraum mit einem Kräutergarten, Saunahäuschen, Kleintierhaltung und eine BMX-Cross-Strecke.

In der Siedlung Oberfeld in Ostermundigen BE konnten die Bewohner:innen bestimmen, wie der Aussenraum gestaltet wird. Das Resultat: Kräutergarten, Saunahäuschen, Kleintierhaltung und eine BMX-Cross-Strecke. Bild: Martin Bichsel

Das trifft nicht nur fürs Gärtnern zu. Wenn die Menschen vor Ort Einkaufsgelegenheiten, Freizeitangebote und Kontaktmöglichkeiten vorfinden, sind sie weniger mit dem Auto unterwegs. Wie das Angebot in der Siedlung aussieht, können Genossenschaftsmitglieder als Miteigentümer beeinflussen, und sie können ihre Ideen einbringen. In der Siedlung Oberfeld in Ostermundigen BE etwa bestimmten die Genossenschafterinnen und Genossenschafter selbst über die Gestaltung des Aussenraums. Verschiedenste Bewohnerbedürfnisse wurden abgedeckt: vom Grillplatz über die Spielwiese, einem Saunahäuschen, Kleintierhaltung, einer BMX-Cross-Strecke bis zu ausgedehnten Gemüse- und Kräutergärten. 

Neue Konzepte entwickeln  

Siedlungen, die sich der Nachhaltigkeit verpflichten, sprechen natürlich vermehrt auch Menschen an, die sich für Umweltthemen interessieren. In der Genossenschaft Kalkbreite in der Stadt Zürich etwa trifft sich regelmässig die Bewohnergruppe «Leicht leben». Diese entwickelt und testet Konzepte zur Optimierung der persönlichen Ökobilanz. Bewohner:innen des Hunzikerareals der Genossenschaft «Mehr als wohnen» in Zürich-Leutschenbach organisieren regelmässig Tauschbörsen und Repair-Cafés. «Mehr als wohnen» fördert solche Engagements für einen nachhaltigen Lebensstil explizit. 

Die Genossenschaft versteht sich als Innovations- und Lernplattform für energie- und ressourcenschonendes Bauen und Wohnen. Sie forscht in verschiedenen Bereichen, von zukunftstauglicher Gebäudetechnologie über sozialnachhaltige Quartierentwicklung bis hin zu sozialutopischen Themen. Von den Erkenntnissen sollen auch andere gemeinnützige Bauträger profitieren können. Denn auch wenn nicht alle so weit gehen wie «Mehr als wohnen», so gehören viele zu den Vorreitern, wenn es um besonders nachhaltige Siedlungskonzepte geht. Aufgrund ihres genossenschaftlichen Modells sind sie grundsätzlich an langfristigen Lösungen interessiert und nicht an kurzfristigem Profit. 

Dies macht die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Bauträgern auch für die öffentliche Hand interessant. Die Wohnbaugenossenschaft St. Gallen etwa testet zusammen mit den St. Galler Stadtwerken das Zusammenspiel diverser Systeme und Technologien, ganz im Sinne des Energiekonzepts 2050 der Stadt. In der Romandie entstehen in verschiedenen Städten ganze «Ecoquartiers». Für die Umsetzung setzen die Gemeinden stark auf Baugenossenschaften. So haben sie Gewähr, dass die Bauträger sich nicht nur dafür engagieren, die hohen ökologischen Nachhaltigkeitsziele dieser Projekte einzuhalten, sondern dass sie auch einen sozialen Mehrwert für die Quartiere bieten. Wenn Gemeinden ein Grundstück im Baurecht an einen gemeinnützigen Bauträger abgeben, können sie mit entsprechenden Vorgaben sogar gezielt daraufhin steuern, dass auf dem Areal eine nachhaltige Siedlung entsteht. 

Gewinn statt Verzicht  

All dies trägt dazu bei, den Ressourcenverbrauch zu senken. Ein schöner Nebeneffekt der erwähnten Konzepte ist, dass dabei auch Nachbarschaft und Gemeinschaft entstehen. Sei es beim Veloflicken in der Werkstatt, beim Gärtnern oder im Repair-Café: Das gemeinsame Nutzen von Einrichtungen und das Tauschen von Ressourcen und Produkten bringt die Bewohnerinnen und Bewohner zusammen. Und das bedeutet letztlich nicht Verzicht, sondern einen Gewinn an Wohnqualität. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 3/2019 erschienen.  
Titelbild: Genossenschaft Kalkbreite, Volker Schopp

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