«Weitergeben statt wegwerfen, kombiniert mit Begegnungen – das spricht Menschen an»

In Bottmingen feierte der Quartierflohmarkt am 24. August 2025 Premiere. Vor Haustüren, in Gärten und auf Vorplätzen wurde gestöbert, gefeilscht und entdeckt. Gebrauchte Gegenstände fanden ein neues Zuhause – ein Gewinn für Quartier und Umwelt. Sabine Pfammatter blickt im Gespräch auf die Veranstaltung zurück.
Frau Pfammatter, Sie sind Ressortverantwortliche Natur, Energie und Umwelt in Bottmingen. Der erste Quartierflohmarkt liegt nun hinter Ihnen – wie fällt Ihr Fazit aus?
Sehr positiv. Für uns war der Anlass gleich in zweierlei Hinsicht ein Gewinn: Einerseits konnten wir einen Beitrag zur Abfallvermeidung leisten, indem Dinge weitergegeben wurden. Andererseits entstanden Begegnungen im Quartier. Genau diese Mischung war unser Ziel. Dorfbewohner:innen waren insbesondere von den sozialen Komponenten begeistert.
Wie kann man sich den Anlass konkret vorstellen?
Zwischen 10 und 16 Uhr wurde im ganzen Quartier verkauft – direkt vor der eigenen Haustür, im Garten, auf dem Vorplatz oder in der Garage. Die Stände waren mit Ballons markiert, sodass man sie leicht finden konnte. Ergänzend gab es einen Gruppenstandort für alle, die ausserhalb des definierten Gebiets wohnen. Der Gruppenstandort wurde auch von semiprofessionellen und professionellen Anbietenden rege genutzt.
Besucher:innen konnten sich mit einem Plan – digital oder auf Papier – auf Entdeckungstour begeben. Trouvaillen und ungewohnte Einblicke in Hinterhöfe und Gärten gab's inklusive!
Ungewohnte Einblicke wecken Neugier bei Besucher:innen. Bild: Sabine Pfammatter
Wie sind Sie bei der Organisation vorgegangen?
Wir haben uns bewusst am erfolgreichen Konzept der Basler Quartierflohmärkte orientiert und es an Bottmingen angepasst. Dies ist besonders relevant, da Agglomerationsgemeinden nur begrenzt Möglichkeiten haben, ein grösseres (Ziel-)Publikum zu erreichen.
Ein kleines, engagiertes Organisationskomitee aus drei Anwohnenden hat den Anlass organisiert – mit klar verteilten Rollen, von Kommunikation über Kartografie bis zur Tageskoordination. Unterstützt wurden wir von der Natur- und Umweltschutzkommission, die Gemeinde trat als Sponsorin auf. Wichtig war eine frühzeitige Planung, insbesondere bei der Anmeldung, damit wir die Stände sinnvoll im Quartier verteilen konnten.
Am Veranstaltungstag selbst hielten wir die Infrastruktur bewusst einfach: eine gesperrte Strasse, eine mobile Toilette, ein Lageplan und eine Ansprechperson vor Ort. Alles andere lag bei den Teilnehmenden selbst – etwa die Kennzeichnung ihrer Stände.
«Für uns war der Anlass gleich in zweierlei Hinsicht ein Gewinn: Einerseits konnten wir einen Beitrag zur Abfallvermeidung leisten, indem Dinge weitergegeben wurden. Andererseits entstanden Begegnungen im Quartier. Genau diese Mischung war unser Ziel.»
– Sabine Pfammatter, Ressortverantwortliche Natur, Energie und Umwelt, Bottmingen (BL)
Wie haben Sie den Anlass bekannt gemacht?
Über mehrere Kanäle: Wir platzierten Hinweise im Gemeinde‑Newsletter, auf den Soziale Medien und im Gemeindeanzeiger. Besonders wirkungsvoll war die Basler Quartierflohmarkt-Webseite mit Informationen und Karte. Sie ist in der ganzen Region bekannt und erreicht ein breites Publikum. Dies hatte den Effekt, dass auch semiprofessionelle und professionelle Flohmarktanbietende an unterschiedlichen Veranstaltungen in der Region den Anlass über die gesamte Flohmarktsaison beworben haben. Das Konzept der Quartierflohmärkte Basel ist regional bekannt.
Was hat besonders gut funktioniert?
Die dezentrale Struktur war ein grosser Pluspunkt – kurze Wege, viele Begegnungen. Auch der Gruppenstandort wirkte für Haushalte ausserhalb des Fokusgebiets als echter «Inklusions-Booster». Spannend war zudem die Reaktion auf die temporäre Strassensperrung: Die vorgängig angekündigte Totalsperrung der Hauptstrasse wurde von direkt betroffenen Anwohnenden im Vorfeld teilweise mit Skepsis aufgenommen. Während der Durchführung zeigte sich jedoch, dass die temporäre Umnutzung zur Begegnungszone eine hohe Aufenthaltsqualität schuf und von der Bevölkerung ausgesprochen geschätzt wurde.
Buntes Treiben im Quartier. Bild: Sabine Pfammatter
Welche Herausforderungen gab es?
Das Fokusgebiet war etwas zu gross, was zu langen Fusswegen führte. Auch das kulinarische Angebot war noch ausbaufähig. Und wie bei vielen solchen Formaten gab es einige kurzfristige Anmeldungen, die die Planung erschwerten. Zudem wurden semiprofessionelle Händler:innen teilweise als zu aufdringlich wahrgenommen.
«Entscheidend sind Einfachheit und Nähe zum Quartier. Je niedriger die Hürden, etwa durch einen Stand direkt vor der Haustür, desto grösser die Beteiligung.»
– Sabine Pfammatter, Ressortverantwortliche Natur, Energie und Umwelt, Bottmingen (BL)
Was nehmen Sie für die nächste Durchführung mit?
Wir werden den Perimeter verkleinern und gleichzeitig den Gruppenstandort erweitern. Ausserdem wollen wir gezielt für ein besseres Verpflegungsangebot sorgen.
Mit welchen Kosten muss die Gemeinde rechnen?
Der Anlass wurde mit rund 3‘000 Franken unterstützt. Dies deckt die Hauptaufwände wie Kommunikation, Druck und Webseite. Hinzu kamen ungefähr 20 bis 30 Arbeitsstunden sowie die Kosten für eine mobile Toilette. Langfristig ist geplant, dass ein grösserer Teil der Finanzierung privat getragen wird.
Was macht den Quartierflohmarkt aus Ihrer Sicht erfolgreich?
Entscheidend sind Einfachheit und Nähe zum Quartier. Je niedriger die Hürden, etwa durch einen Stand direkt vor der Haustür, desto grösser die Beteiligung. Dazu kommt eine klare und frühzeitige Kommunikation. Besonders wichtig ist auch die Botschaft: «Weitergeben statt wegwerfen» in Kombination mit Begegnungen – das spricht Menschen an. Und nicht zuletzt sind es die offenen privaten Räume, die den besonderen Reiz ausmachen: Gärten, Hinterhöfe und Garagen, die sonst nicht zugänglich sind, werden plötzlich erlebbar und motivieren zusätzlich zum Besuch.
Welchen Rat geben Sie anderen Gemeinden, die ein ähnliches Projekt planen?
Klein anfangen, klar kommunizieren und ein engagiertes Kernteam aus dem Quartier aufbauen. Wichtig ist auch ein Gruppenstandort, damit alle mitmachen können, sowie eine gute Orientierung mit Plan und Signalisation. Und ganz pragmatisch: Toilette und Verpflegung nicht vergessen.
Titelbild: Sabine Pfammatter