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Klima und Energie
Praxisbeispiel

Schaffhausen steigt um

Ein E-Bus in der Stadt Schaffhausen.

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7 Minuten Lesezeit

Klima und Energie

Praxisbeispiel

Die Verkehrsbetriebe Schaffhausen stellen bis 2028 die gesamte Stadtbusflotte auf Elektrobusse um. Die ersten zwei Busse sind bereits im Einsatz. Der öffentliche Verkehr stösst damit die Türe zur Netto-Null-Mobilität für die Stadt auf. 

Elektrisch betriebene Fahrzeuge sind nichts Neues für die Verkehrsbetriebe Schaffhausen (VBSH). Als reiner Trambetrieb im Jahr 1901 gegründet, fuhren sie ursprünglich mit Strom aus dem stadteigenen Flusskraftwerk. Später kamen Dieselbusse hinzu und die Trams wurden durch Trolleybusse abgelöst. Auf fünf von sechs Buslinien fahren heute Dieselbusse im Schaffhauser Stadtnetz. 

Elektrifizierung als Gesamtstrategie  

2015 stellte die neue VBSH-Geschäftsleitung fest, dass weder ein gültiger Beschaffungsprozess noch eine Gesamtstrategie für die Fahrzeugbeschaffung existierten. Auch lag schon seit längerer Zeit ein Prüfungsauftrag für eine weitere Trolleybuslinie auf dem Tisch. Die Geschäftsleitung fand für die Erarbeitung einer Gesamtstrategie Gehör beim Stadtrat. Für die «Strategie- und Planungskreditvorlage Traktionsarten der VBSH» starteten die Verkehrsbetriebe eine umfassende Analyse der aktuell auf dem Markt verfügbaren Traktionsarten. Sie untersuchten dafür zehn unterschiedliche Systeme, wobei der Elektrobus mit Schnellladesystem (Opporunity Charging Conductive OCC) im Vergleich der wirtschaftlichen und ökologischen Aspekte als Sieger hervorging. Nach rund neun Monaten Vorbereitungszeit legten die VBSH die Vorlage im Mai 2017 dem Grossen Stadtrat vor. 

Politik von Vorlage überzeugt  

Die Vorlage beschränkte sich jedoch nicht auf den Vergleich verschiedener Traktionsarten für zukünftige Stadtbusse. Sie umfasste eine Gesamtstrategie zur etappenweisen Umstellung, eine Beschaffungsstrategie sowie eine umfassende Investitionsplanung. Nach eingehender Prüfung in der Spezialkommission genehmigte der Grosse Stadtrat im August 2017 mit 33 zu 1 Stimmen die Gesamtstrategie zur Umstellung auf Elektrobusse mit Schnellladesystem (OCC), die Ausstattung der bestehenden Trolleybusse mit Traktionsbatterie (In Motion Charging IMC) sowie eine Backup-Beschaffung für Dieselbusse im Sinne einer Rückfallebene. Ausserdem bewilligte der Grosse Stadtrat einen Planungskredit über 630'000 Franken zur professionellen Vorbereitung und Begleitung der Ausschreibung sowie zur Planung der notwendigen Infrastrukturarbeiten. 

Die Verkehrsbetriebe Schaffhausen (VBSH) bauten alle bestehenden Trolleybusse auf die «In Motion Charging»-Technologie um. Bild: eclipse studios, Faro Burtscher

Angebot aus Spanien  

Bereits im September 2017 begannen die Verantwortlichen der VBSH mit der Vorbereitung der Ausschreibung. Insbesondere im Bereich des Beschaffungsrechts holten sie sich Unterstützung durch einen externen Berater. Die Ausschreibung wurde im Mai 2018 auf der Beschaffungsplattform Simap publiziert und umfasste ein zweistufiges Verfahren. In der ersten Stufe, der Präqualifikation, mussten die Anbieter mindestens zwei funktionierende Referenzen in Europa vorweisen und bestätigen, dass sie als Generalunternehmer in den Werkliefervertrag eintreten würden. 

In der zweiten Stufe reichten die zugelassenen Lieferanten ihre Offerten ein. Nach der Prüfung und Analyse der eingereichten Angebote bewertete das Beurteilungsgremium diese anhand der in den Ausschreibungsunterlagen definierten Kriterien. Im März 2019 erhielt das spanische Unternehmen Irizar den Zuschlag für die Lieferung des Elektrobussystems – unter Vorbehalt eines erfolgreichen Pilotbetriebes in Schaffhausen, der Genehmigung der zuständigen Gremien und einer positiven Volksabstimmung. 

Mehrheit für Elektrobusse

Im Mai 2019 präsentierte der spanische Lieferant den Elektrobus erstmals in der Schweiz. Daraufhin kehrte der E-Bus im September 2019 nach Schaffhausen zurück. Bei mehreren Publikumsfahrten konnte die Bevölkerung den Bus kennenlernen. Zudem stellten die VBSH die neue Technologie in einer kleinen Ausstellung im Detail vor. Flyer, Broschüren und eine eigene Website machten zusätzlich auf das Thema aufmerksam. Die Verkehrsbetriebe starteten damit den Meinungsbildungsprozess, untermauert mit Informationen und einem realen Testfahrzeug. Nach Abschluss der Publikumsfahrten überliessen sie das Feld der Politik. Die Abstimmung fand im November 2019 statt. Dabei sagten 54 Prozent der Stadtbevölkerung ja zum Elektrobus. Die Bestellung der neuen Fahrzeuge erfolgte bereits am Tag darauf. 

Erste Busse im Kursverkehr

Im August 2020 trafen die beiden ersten Schaffhauser Elektrobusse als Vorserie pünktlich im Busdepot ein. Nach umfangreichen Systemtests und der Abnahme durch das Bundesamt für Verkehr (BAV) prüften die VBSH den Ladevorgang am Bahnhof, den Schnellladevorgang sowie die Übernachtladung im Busdepot. Parallel dazu musste die entsprechende Infrastruktur sowohl im Busdepot als auch am Bahnhof erstellt werden. Schliesslich drehten die Busse im September – mit Salzsäcken beladen – während mehrerer Stunden auf den normalen Buslinien ihre Runden, um den späteren Normalbetrieb zu simulieren. Als letzter Teil der Testphase verkehrten die Busse im Oktober erstmals mit Publikum im normalen Kursverkehr, bevor die Bestellung für 13 weitere Fahrzeuge im November freigegeben wurde. Die beiden ersten Busse sind voraussichtlich ab Januar 2021 im normalen Betrieb im Einsatz.  

Das Elektrobus-Projekt der Verkehrsbetriebe Schaffhausen.

Ab Sommer 2021 werden die VBSH die bestellten 13 Fahrzeuge nach und nach in Betrieb nehmen. Sie ersetzen Fahrzeuge, die am Ende ihrer Lebensdauer stehen. Für den durchgängigen Betrieb der Elektrobusse muss jedoch die nötige Infrastruktur sowohl im Busdepot als auch am Bahnhof bis im Sommer 2021 bereitstehen. Dieses Vorhaben erfordert ein umfassendes Projektmanagement. Dafür haben die VBSH einen Projektleiter eingestellt, der sich um die Gesamtkoordination kümmert. Ein Lenkungsausschuss überwacht und steuert das Projekt.  

Nächste Bestellung geplant  

Für die Grundetappe sind Nettoinvestitionen von 23,6 Millionen Franken nötig. Darin enthalten sind die ersten 15 Elektrobusse sowie die komplette Ladeinfrastruktur am Bahnhof und im Busdepot. An der nötigen Infrastruktur beteiligt sich der Bund mit mindestens 5,1 Millionen Franken im Rahmen des Agglomerationsprogramms. Für die komplette Umstellung der Stadtbusflotte auf Elektrobusse mit Schnellladesystem bis 2028 sind Nettoinvestitionen von 56,1 Millionen Franken nötig. Dafür haben sich die VBSH vertraglich die Möglichkeit gesichert, bei Irizar weitere 32 Busse inklusive Depotlader für 32,5 Millionen Franken zu bestellen. Doch auch die konventionelle Erneuerung der Dieselbusse – ohne Umstieg auf Elektrobusse – würde Investitionen in Millionenhöhe nach sich ziehen.  

Veränderung für alle  

Bei der Realisierung des Projektes zeigte sich, dass in verschiedenen Bereichen ein Umdenken oder Umlernen notwendig ist. So musste etwa der Lieferant erst den Schweizer Markt verstehen und sich mit den engeren Platzverhältnissen auseinandersetzen. Auch für die hiesigen Planerinnen und Planer sowie Behörden stellten die neuartige Technologie und die Dimension des Projektes eine Herausforderung dar. Alle Arbeiten im Busdepot oder an der Bahnhofstrasse mussten, und müssen weiterhin, bei laufendem Betrieb durchgeführt werden – eine Operation am offenen Herzen also. 

Dem Personal der VBSH stehen die Veränderungen erst noch bevor. Das Fahrpersonal muss sich an die geänderte Fahrzeuggeometrie, das Fahrverhalten und das neue Cockpit gewöhnen. Dazu wird es umfassend geschult. Für die Mechanikerinnen und Mechaniker wird die Umstellung noch grösser sein, da die Antriebstechnologie neu ausschliesslich elektrisch ist und sich die Batterien auf dem Dach befinden. Das bedeutet aber auch, dass neue Arbeitsplätze und Arbeitsfelder entstehen werden. 

Erfahrungen teilen  

Für die VBSH birgt der Umstieg auf die Elektromobilität viele Chancen, aber auch Risiken. Diese konnten dank der umfassenden Vorarbeit und der zweistufigen Ausschreibung minimiert werden. In wenigen Jahren wird Schaffhausen eine einheitliche, elektrifizierte und umweltfreundliche Stadtbusflotte haben, welche mit Strom aus dem stadteigenen Flusskraftwerk geladen wird. Damit übernehmen die Stadt und die Verkehrsbetriebe eine Vorreiterrolle. Wichtig ist es, die Erfahrungen zur Technologie, die Herangehensweise und die Erkenntnisse aus dem Veränderungsprozess nun mit anderen Städten zu teilen. 

Die Elektromobilitätsstrategie und die damit verbundenen Vorteile für die Umwelt kommen letztlich dem öffentlichen Verkehr als Ganzes zugute. Denn öffentlicher Verkehr, als gelebte «Shared Economy», leistet seit mehr als einem Jahrhundert einen Beitrag zum Umweltschutz und ermöglicht Mobilität für alle. So kann die Mobilität, wie in Schaffhausen, zum Treiber für eine Stadt auf dem Weg zum Netto-Null-Ziel werden. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 4/2020 erschienen.  
Titelbild: vbsh


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