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«Mit transformativem Lernen wird die Vision eines besseren Lebens Wirklichkeit»

Bettina Degen
Sandra Wilhelm
Transformatives Lernen ist ein lebenslanges Lernen, das die gesamte Gesellschaft etwas angeht und in der Bildung für nachhaltige Entwicklung BNE bereits geübt wird.

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11 Minuten Lesezeit

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Im Zentrum des Manifests «Transformatives Lernen» steht die Frage, wie wir unsere Zukunft nachhaltiger gestalten. Um heutigen und künftigen Herausforderungen besser zu begegnen, helfe die bewusste Reflexion über Werte und Grundhaltungen, erklärt Sandra Wilhelm, Mitherausgeberin des Manifests, im Interview. Wichtig sind dabei sichere Lernfelder, um junge Menschen auf die Zukunft vorzubereiten.

Bettina Degen im Gespräch mit Sandra Wilhelm

Im Manifest «Transformatives Lernen» vertreten Sie die Ansicht, wir alle könnten einen wichtigen Beitrag für die Nachhaltigkeit leisten, idealerweise mittels transformativen Lernens. Worum geht es dabei?

Wir haben uns intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Lernen gestaltet sein muss, um als Gesellschaft den nachhaltigen Entwicklungspfad zu gehen, auf den sich die UNO 2015 mit 17 Nachhaltigkeitszielen, den Sustainable Development Goals (SDGs), geeinigt hat. Wichtige Aspekte sind dabei das gesellschaftliche Verständnis und die Anwendung der Idee einer nachhaltigen Entwicklung. Unsere Lösung: transformatives Lernen. Die Manifest-Forderungen entstanden aus den Erfahrungen einer «Community of Practice», bestehend aus Lehrpersonen aus dem Bereich der Erwachsenenbildung an Hochschulen und Weiterbildungsinstitutionen.

Zur Person

Sandra Wilhelm ist als Pädagogin und Dozentin seit über 30 Jahren an verschiedenen Hochschulen tätig, immer mit dem Bezug zu den Themen Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Als Mitherausgeberin des Manifests «Transformatives Lernen» ist ihr der Aufbau von Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten für die Zukunft ein Anliegen.

www.anderskompetent.ch

Portrait von Sandra Wilhelm

«Wissen zu vermitteln und zu hoffen, dass dies zu Veränderung führt, reicht nicht.»

Sandra Wilhelm, Pädagogin und Dozentin

Transformatives Lernen – das klingt sehr komplex.

Transformatives Lernen ist eigentlich ganz einfach: Es geht darum, innezuhalten und zu fragen, ob wir wirklich ein sicheres, gerechtes und gutes Leben im Einklang mit den UNO-Nachhaltigkeitszielen führen. Ein Leben, das die natürlichen Grenzen unserer Erde respektiert und den Menschen Wohlbefinden ermöglicht. Es reicht allerdings nicht aus, Nachhaltigkeitswissen zu vermitteln und zu hoffen, dass dies zu Veränderung führt. Indem wir transformative Lernmethoden in die Aus- und Weiterbildung integrieren, versuchen wir, diese Vision eines besseren Lebens Wirklichkeit werden zu lassen.

Über das Manifest

Das Manifest «Transformatives Lernen» sieht den Weg zur Verwirklichung der UNO-Nachhaltigkeitsziele in der individuellen und kollektiven Werte-Diskussion. Die notwendigen Voraussetzungen für transformatives Lernen sollen von allen im Sinne eines gesamtinstitutionellen Ansatzes mitgestaltet und getragen werden: Von der Politik, über öffentliche Institutionen – besonders Bildungsinstitutionen –, Unternehmen und die Zivilgesellschaft bis hin zu Lehrgangsverantwortlichen, Lehrenden und Lernenden.

Das Manifest verfasst hat die Arbeitsgruppe Bildung für nachhaltige Entwicklung (AG BNE) der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft für Umweltforschung und Ökologie (saguf).

Und wie muss dieses Lernen gestaltet sein?

Wie wir handeln oder denken und ob wir nachhaltiger handeln können, hängt von unseren Gewohnheiten und unseren Überzeugungen ab. Anstelle des reinen Sammelns an Wissen stellen wir das «Lernen zu lernen» in den Mittelpunkt. Dabei sprechen wir den ganzen Menschen an, also Kopf, Herz und Hand. Die Annahme, dass Menschen sich irgendwann automatisch für Nachhaltigkeit interessieren und handeln, funktioniert nicht. Unsere Überlegungen unterstützen eine Art des Lernens, die auf Selbstreflexion und Aktion basiert. Welche unbewussten Annahmen leiten uns und sind sie für unsere Ziele noch dienlich? «Lernen» verstehen wir als einen lebenslangen Prozess, bei dem sowohl Wissen und Können aufgebaut als auch kontinuierlich reflektiert wird, was man lernt, wie man lernt und welche Kompetenzen wichtig sind. Und das bezogen auf den Umgang mit den heutigen und zukünftigen Herausforderungen wie beispielsweise Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Rohstoffknappheit, Armut, Migration, wirtschaftliche Krisen und Kriege.

Jede:r Einzelne trägt so zur Gesundung unseres Planeten bei?

Nicht ganz: Unser Lebensstil, der auf Kosten heutiger und zukünftiger Generationen geht, ist Ausdruck einer bestimmten Wertsetzung. Diese Werte sind nicht unbedingt schriftlich festgelegt, sondern werden ständig mehr oder weniger bewusst reproduziert. Darüber gilt es nachzudenken. Durch transformative Lernprozesse suchen wir nach persönlichen und gemeinsamen, gesellschaftlichen Werten, die zu einer Haltung führen, welche eine nachhaltigere Entwicklung unserer Gesellschaft als Ganzes unterstützt. Dazu kann aber tatsächlich jede:r Einzelne einen Beitrag leisten.

«Krisen bringen uns dazu, die Welt und uns selbst neu zu betrachten: Was glauben wir und was halten wir für wahr?»

Sandra Wilhelm

Also betrifft transformatives Lernen alle Menschen?

Ja. Transformatives Lernen beginnt oft mit einer Irritation, einer Erfahrung, die unsere gewohnten Ansichten und Glaubenssätze herausfordert. Manchmal sind es Krisen oder lebensverändernde Momente. Sie holen uns aus unserer Komfortzone und rütteln uns wach. Diese Störungen sind wichtig, denn sie bringen uns dazu, die Welt und uns selbst neu zu betrachten. Es ist dieser Moment des «Oh, was irritiert mich da?», der uns zum Nachdenken und Handeln anregt. Lassen Sie mich ein Beispiel aus dem Unterricht machen: Wer sagt denn, dass der Glaubenssatz «Zuerst die Theorie, dann die Praxis» der beste ist für das Lernen der Zukunft? Dabei geht es also nicht nur um das, was wir tun, sondern auch um das, was wir glauben und für wahr halten.

Transformatives Lernen sucht nach diesen Überraschungsmomenten, die uns zum Hinterfragen und Neudenken anregen. Allein geht das aber nicht. Lernen findet immer im Austausch mit anderen und in einer bestimmten Umwelt statt. Wir lernen nicht isoliert, sondern durch Interaktionen und Begegnungen, die uns neue Perspektiven eröffnen, uns in eine Irritation bringen und zum Umdenken anregen.

Was braucht das transformative Lernen, um wirkungsvoll zu sein?

Es braucht einen sicheren Raum ‒ einen «safe space» ‒ um miteinander über verschiedene Perspektiven und kontroverse Themen zu diskutieren. Dadurch entsteht ein gemeinsamer Suchprozess, um mit der Irritation umzugehen. Schliesslich kristallisieren sich persönliche oder gemeinsame, gesellschaftliche Werte und neue Perspektiven heraus. Das geht oftmals nicht reibungslos. Gewohnheiten loszulassen, hat mit Abschied zu tun. Das kann Stress verursachen. Emotionen müssen während des Suchprozesses zugelassen und ausgehalten werden.

Und wo kann im Bildungsraum transformatives Lernen umgesetzt werden?

Der Dialog über Werte spiegelt sich im Bildungsauftrag des Bundes wider, um zukünftige Generationen für die Bewältigung globaler Herausforderungen zu stärken. Es geht dabei nicht primär um die Vermittlung von Wissen über Nachhaltigkeit. Es geht auch nicht um das Vermitteln spezifischer Werte, sondern um das Aushandeln und gemeinsame Suchen von Werten und Überzeugungen, die eine nachhaltige Entwicklung fördern. Dieser Prozess findet auch im Klassenraum statt. Tatsächlich ist dies ein zentraler Aspekt der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Laut Definition im Lehrplan ist das Ziel von «Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)», Menschen durch Bildungsprozesse zu begleiten, damit sie ihren Platz in der Welt und in der Gesellschaft finden können, wodurch sowohl sie selbst als auch die Gesellschaft sich weiterentwickeln. Konkret: «Lesen und Schreiben zu können, sich informieren zu können, eine Meinung zu haben und diese im Gespräch einbringen zu können sind notwendige Voraussetzungen, dass sich die Schülerinnen und Schüler an einer Nachhaltigen Entwicklung beteiligen und diese mitgestalten können.»

Das bedeutet?

Der Lehrplan 21 integriert BNE in allen Kompetenzbereichen. Das ermöglicht Lehrpersonen, Bezüge von aktuellen Themen zur Nachhaltigkeit herzustellen. Diese fächerübergreifende Integration von Nachhaltigkeit ist zwar anspruchsvoll, aber sie wird durch den Lehrplan legitimiert. Obwohl der Lehrplan Leitplanken setzt, bleibt die konkrete Umsetzung offen und bietet Übungsfelder. In der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen werden tatsächlich immer mehr entsprechende Kurse angeboten, die hierfür Unterstützung bieten.

Sechs Jugendliche stehen um einen Tisch in einem Klassenzimmer. Transformatives Lernen passiert in einem sicheren Raum wie dem Klassenzimmer und bietet die Möglichkeit für gemeinsames Lernen für nachhaltige Entwicklung.

Schüler:innen lernen, indem sie gemeinsam nach einer Lösung suchen.

Wie kann sich das auf den Unterricht auswirken?

Schüler:innen suchen bereits früh ihren Platz in der Gemeinschaft – und das führt zu Fragen. Sie haben Erfahrung mit Migration und Enttäuschungen, zweifeln an sich selbst oder fühlen sich allein gelassen mit ihren Zukunftsängsten. Die Schule verwandelt sich in ein Übungsfeld mit sicherem Raum. Hier erfahren Kinder und Jugendliche durch transformatives Lernen in ihrer ganz eigenen, kleinen «Gesellschaft» eine Werte-Diskussion. Lehrkräfte entwickeln sich zu Lernbegleitenden, deren Aufgabe es ist, Schüler:innen in die Phase der Irritation zu führen und sie dabei zu unterstützen, neue Werte auszuhandeln und agieren zu lernen. Lernen wird so zu einer spannenden Erfahrung in einem sicheren Raum. Eigentlich ein urtümliches pädagogisches Anliegen.

«Schüler:innen sind in der Werte-Diskussion engagiert, da es um das echte Leben geht.»

Sandra Wilhelm

Das transformative Lernen versteht Lehrpersonen als Begleiter:innen und nicht als Vermittler:innen von Lerninhalten. Warum lohnt es sich, diesen Schritt mit der Klasse oder einer Schule zu gehen?

Es gibt die Kritik, dass einerseits Lehrpersonen schon mit dem herkömmlichen Lernstoff viel leisten müssten und transformatives Lernen anspruchsvoll und zeitintensiv sei. Andererseits wird in Frage gestellt, wie früh Kinder mit den Problemen und Herausforderungen konfrontiert werden müssten, die wir als Erwachsene schon nicht lösen können. Wir haben aber bereits Rückmeldungen von Lehrpersonen, dass ihre Lernenden sich mit grossem Engagement den Diskussionen stellen. Denn es gehe dabei um das echte Leben und um das Erfahrungslernen. Es ist Teil ihres Lebens. Darum entpuppt sich das gemeinsame Suchen nach Werten und alternativen Handlungsoptionen als sinnstiftende und persönlichkeitsfördernde Zeit.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Wenn die gesamte Schule ihre Schulentwicklung und ihre gelebten Werte zum Thema macht, entsteht Raum für Gespräche und Gestaltung. Die Schule bietet also diesen «safe space», in dem Schüler:innen ihre eigenen Wege im Umgang mit den angesprochenen Themen finden können. Andere Beispiele von Lernräumen sind beispielsweise Peacemaker-Projekte oder Medienpädagogik-Coachings: Kinder und Jugendliche trainieren den Umgang mit Konflikten. Das sind Vorbereitungen auf spätere Krisenbewältigung. Auch die Lehrmittelreihe «Querblicke» finde ich ein ansprechendes Beispiel.

Die Mystery-Serie von éducation21 bietet spannende Unterrichtseinheiten. Hier gehen Schüler:innen auf die Suche nach Antworten zu spannenden Forschungsaufgaben, die Werte-Diskussionen aufwerfen und den Perspektivenwechsel trainieren. Oder beispielsweise das geplante Projekt «Aufbruchstimmung!» von Pusch, bei dem die ersten Pilotschulklassen sich gemeinsam auf die Suche nach mehr Nachhaltigkeit im eigenen Lebensraum Schule machen und dabei ihre Transformationskompetenzen wie kritisches Denken, kreative Problemlösung, Kommunikation und Kooperation stärken.

Weiterführende Tipps

In den Medien liest man immer wieder von möglicher Einflussnahme durch die Schule auf die Wertehaltung von Kindern und Jugendlichen und somit auch auf das Elternhaus. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Das ist eine sehr reale Herausforderung, und diese Befürchtungen sind uns bekannt und ernst zu nehmen. Lehrpersonen verspüren durch das Schaffen von Kontroversen tatsächlich Stress und Unbehagen darüber, was dies für eine Aussenwirkung haben könnte. Dabei ist das Problem nicht neu: Bildung hat stets die Aufgabe, der jungen Generation die Kulturtechniken der Gesellschaft mitzugeben und sie auf die Welt von morgen vorzubereiten, weshalb es keine wertfreien Lernräume gibt. Die Frage ist aber, wie wir dieses Lernen gestalten. Meiner Meinung nach ist die Schule ein idealer Ort. Sie schafft einen sicheren Raum als Übungsfeld, denn hier kommen die unterschiedlichsten Menschen mit ihren Bedürfnissen und Ideen zusammen. Unser Ansatz ist durch den Lehrplan 21 und BNE gestützt und gefordert. Solange niemand in der eigenen Selbstbestimmung verletzt wird, jede:r selbst entscheiden kann, inwieweit die Wertediskussion die eigene Person betrifft, und solange es keine Indoktrination gibt, sehe ich eher Entlastung als Gefahr.

Was sind die nächsten Schritte für das Manifest? Was erhoffen Sie sich in den nächsten Jahren?

Wir führen zurzeit Gespräche mit Lehrpersonen, Dozierenden und Interessierten, um Rückmeldungen zu unserem Manifest zu sammeln. Wir würden es gerne gemeinsam mit neugierigen Personen weiterentwickeln. Dann suchen wir nach Methoden und Kriterien für transformatives Lernen: Wie können wir im Sinne des transformativen Lernens den Unterricht gestalten und den Kompetenzzuwachs sichtbar machen? Unter anderem arbeiten wir mit Wissenschaftler:innen zusammen an der Frage, wie und wann sich ein kontroverses Thema als Unterrichtsgegenstand eignet. Wir sammeln zudem Erfahrungen für eine didaktische Umsetzung in den Hochschulen. Wir setzen daher auch auf der Ebene der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen und Dozierenden an.

Bildung für nachhaltiges Lernen bedeutet, gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft zu handeln, transformatives Lernen kann hierbei ein  Ansatz sein.

Beim «Transformativen Lernen» diskutieren Menschen miteinander Werte aus.


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