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Biodiversität
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Wechselwirkung zwischen Klimawandel und Biodiversität

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7 Minuten Lesezeit

Biodiversität

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Die Biodiversität in der Schweiz leidet seit Jahrzehnten. Der Klimawandel bedroht sie zusätzlich. Gegensteuer geben können die Revitalisierung von Mooren, der Ausbau von Waldreservaten, die Renaturierung von Flüssen, neue Stadtpärke und eine extensive Landwirtschaft. 

«Der Biodiversität in der Schweiz geht es gut», glaubt ein Grossteil der Bevölkerung. Doch wer so denkt, irrt sich. In Tat und Wahrheit sind 36 Prozent der Arten gefährdet. Die Gründe dafür sind hauptsächlich: 

  • die Bewirtschaftung des Waldes, denn viele Bäume werden jung geschnitten, was totholzabhängige Arten gefährdet;  

  • die Eindämmung von Flüssen, die zu einem Verlust von 71 Prozent der Auengebiete führte, und die Drainage, mit welcher 90 Prozent der Moore trockengelegt wurden;  

  • die intensive Landwirtschaft, insbesondere das Düngen von Wiesen, die Unterdrückung von Strukturen (alte Bäume, Hecken) und der Einsatz von Pestiziden; 

  • die Luftverschmutzung durch Stickstoff, der aus dem Einsatz von fossilen Energien und Gülle stammt. 

Flucht in die Höhe  

Der Klimawandel verstärkt den Druck auf die Biodiversität zusätzlich. Seit 1880 hat die Durchschnittstemperatur in der Schweiz um 1,8 Grad Celsius zugenommen und die Frosttage werden immer seltener. Die milderen Winter und Frühlinge führen dazu, dass die Natur immer früher erwacht. Im Schnitt blüht der Haselstrauch in Disentis jedes Jahrzehnt zweieinhalb Tage früher und die Lärche in Fiesch entwickelt ihre Nadeln drei Tage zeitiger. Die längeren Vegetationsperioden wirken sich auch auf die Tiere aus, indem sie zum Beispiel früher aus ihren Winterquartieren zurückkehren. 

Aber nicht alle Arten reagieren im gleichen Rhythmus, was gewisse Beziehungen gefährden kann. So blühen beispielsweise Pflanzen vor oder nach dem Erscheinen der für ihre Bestäubung zuständigen Bienen. Oder die Überlebenschance der Rehkitze sinkt, weil das Gras bei ihrer Geburt bereits zu weit entwickelt ist. 

Der vorzeitige Frühlingsbeginn beeinflusst auch die Artenverteilung. Jene Arten, denen die kurzen Sommer in den Höhenlagen weniger behagen, profitieren von den wärmeren Bedingungen und können neue Territorien besiedeln. Pflanzen wandern in Richtung Gipfel, wo die Artenvielfalt zunimmt, und Arven lassen sich auf alpinen Wiesen nieder. Dieser Anstieg der Biodiversität in höheren Lagen erscheint auf den ersten Blick günstig. Aber die neuen, grösseren Ankömmlinge verdrängen jene Arten, die diese Gebiete schon lange vorher besiedelt hatten. 

Auch die Tiere bewegen sich. Zwischen 1996 und 2016 haben 71 Vogelarten ihre Nistplätze in Richtung Gipfel verlegt. Die Ringdrossel beispielsweise hat zwar in über 2000 Metern Höhe einige Gebiete dazugewonnen, das vermag aber den Verlust auf einer Höhe von 1000 bis 2000 Metern nicht zu kompensieren. Auch das Alpenschneehuhn hat 13 Prozent seines Territoriums verloren. Diese Rückgänge können zwar auch mit anderen Faktoren – zum Beispiel Störungen – erklärt werden. Es scheint jedoch, dass das frühzeitige Schmelzen des Schnees ungünstig für die Drossel ist, während der Anstieg der Baumgrenze dem Schneehuhn schadet. 

Anpassen, migrieren oder verschwinden

Während die Gebirgsarten an Territorium verlieren, profitieren die südlichen Arten. Der Südliche Kurzgeschwänzte Bläuling beispielsweise, ein Schmetterling, der bis im Jahr 2000 nur im Wallis und in der Nähe von Genf bekannt war, ist nun im ganzen Mittelland zu finden. Problematisch sind solche Entwicklungen dann, wenn es sich bei den Arten, die sich ausbreiten, um invasive Arten oder Parasiten handelt. Seit Frosttage im Tessin selten geworden sind, konkurrieren zahlreiche exotische Bäume und Sträucher mit der heimischen Flora. Da sie das ganze Jahr über grün sind, wachsen sie schneller als Eichen und Kastanienbäume, die ihre Blätter verlieren. In den Flüssen konnte beobachtet werden, dass deren Erwärmung zu einer stark erhöhten Sterblichkeit durch die proliferative Nierenkrankheit bei Lachsen, Saiblingen und Hechten führt. Des Weiteren sterben Waldföhren und Fichten aufgrund der kombinierten Bedrohung durch Parasiten und Trockenheit. 

Angesichts des Klimawandels haben Flora und Fauna drei Möglichkeiten: sich anpassen, um an Ort und Stelle zu überleben, migrieren oder verschwinden.

Angesichts des Klimawandels haben Flora und Fauna drei Möglichkeiten: sich anpassen, um an Ort und Stelle zu überleben, migrieren oder verschwinden. Aber artenreiche Gebiete wie magere Wiesen oder Moore werden inmitten von Landwirtschaftsflächen auf Taschentuchgrösse reduziert, und die Populationen vieler Arten sind zu klein, um eine echte Chance zur Anpassung zu haben. Zudem sind diese Gebiete zu weit voneinander entfernt, um die Umsiedlung von wenig mobilen Arten (Pflanzen, flügellose Insekten) zu ermöglichen. Im Hochgebirge können die Tiere und Pflanzen nicht unendlich weit in die Höhe migrieren, denn die Gipfel sind eine Sackgasse. Jene Arten, die nicht migrieren können, werden entsprechend verschwinden. 

Jetzt Gegensteuer geben

Der Biodiversität geht es schlecht und der Klimawandel bedroht sie zusätzlich. Angesichts dieser doppelten Krise ist es dringend notwendig, den Ausbau der ökologischen Infrastruktur zu fördern, idealerweise mit Massnahmen, die gleichzeitig die Auswirkungen des Klimawandels reduzieren und die Lebensqualität der Bevölkerung erhöhen: 

  • Moore sind Kohlenstoffsenken, die durch Drainage zu Quellen werden, weil sich der Torf zersetzt. Die Revitalisierung von Mooren und die Wiedervernässung von ehemaligen Feuchtwiesen würde bedrohten Sumpfarten neue Territorien bieten und gleichzeitig einen Teil des CO₂-Ausstosses kompensieren.  

  • Im Wald gibt es zwei Möglichkeiten, die Biodiversität zu fördern und gleichzeitig die CO₂-Emissionen zu verringern: Einerseits verzeichnen Waldnaturreservate in den ersten Jahrzehnten einen Zuwachs an Bäumen, speichern Kohlenstoff und bieten den von altholzabhängigen Arten Unterschlupf und Schutz. Anderseits lässt sich durch die Nutzung von Niederwäldern Energieholz gewinnen, während gleichzeitig Waldpflanzen gefördert werden, die helles Unterholz benötigen.  

  • Die Revitalisierung von Fliessgewässern und die Bewaldung von Flussufern verbessern die Verbindung zwischen den Ökosystemen, erhöhen die Grundwasserneubildung und beschatten die Flüsse, wodurch die Wassererwärmung vermindert wird.  

  • Während Hitzewellen sind die Temperaturen in Städten extrem hoch. Grosse Stadtpärke bringen etwas Abkühlung – den Tag über für Spaziergängerinnen und Spaziergänger und in der Nacht für die nahe gelegenen Wohnquartiere. Bei der unvermeidlichen Ausbreitung und Verdichtung der Städte wäre es sinnvoll, Pärke in den Zentren zu erhalten und zu fördern und auch solche in den Quartieren am Stadtrand einzuplanen. Dies sowohl für den Komfort der Einwohner:innen als auch für die Verbindung zwischen den Ökosystemen. 

  • Schliesslich ist es unerlässlich, zu einer extensiven Landwirtschaft zurückzukehren: Hecken pflanzen, extensive Wiesenstreifen am Feldrand stehen lassen, weniger pflügen, ja sogar Bäume auf den Feldern pflanzen. Einige dieser Massnahmen werden bereits umgesetzt und müssen nur ausgebaut werden, andere gilt es neu zu realisieren. Sie alle werden dazu beitragen, die ökologische Infrastruktur zu verdichten. Aber hauptsächlich erlauben sie den Böden, CO₂ zu speichern. Auf kurze Sicht sind die landwirtschaftlichen Böden die effizientesten Kohlenstoffsenken. Eine Erhöhung des Kohlenstoffgehalts aller Böden um jährlich vier Promille könnte alle durch den Menschen verursachten Emissionen kompensieren. Unsere Landwirtschaftsböden sind fähig dazu. Und die Landwirt:innen können davon nur profitieren, denn ein humusreicher Boden hält den Dünger besser, verringert die Risiken der Verschmutzung, absorbiert und speichert Wasser besser und erodiert weniger. Dies garantiert eine stabilere Produktion, vor allem in trockenen Jahren. 

Diese Handlungsoptionen sind zwar bereits bekannt. Doch die bisherigen Massnahmen reichen noch nicht aus. Mit neuen Projekten und der gesamtschweizerischen Umsetzung können die Risiken für die Artenvielfalt gesenkt und unser CO₂-Fussabdruck verkleinert werden. Gleichzeitig steigt damit die Lebensqualität. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 2/2020 erschienen. 
Titelbild: Patrick Veya


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