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Klima und Energie
Praxisbeispiel

Wie die Wärmewende gelingt

Ein Wärmetunnel von innen.

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6 Minuten Lesezeit

Klima und Energie

Praxisbeispiel

Die Umstellung auf CO2-neutrale Wärme stellt die Schweiz vor eine grosse Herausforderung. Mit den richtigen Rahmenbedingungen ist sie aber zu schaffen. Ein Blick in die Region Basel.

Dass die Energiewende eine gigantische Aufgabe ist, macht ein Blick auf die Häuser der Schweiz klar. Oder besser gesagt: ein Blick in ihre Keller. Noch immer stehen dort nämlich unzählige Heizungen, die mit Öl und Gas betrieben werden. Fossile Energieträger zum Heizen sorgen – gemeinsam mit schlecht gedämmten Gebäudehüllen – dafür, dass der Schweizer Gebäudepark heute für etwa ein Drittel der CO₂-Emissionen im Land verantwortlich ist. Der Trend zeigt zwar nach unten: Gebäude werden saniert und mit klimafreundlichen Heizungen ausgestattet. Doch es geht nach wie vor zu langsam, um im Gebäudesektor bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Es braucht eine entschiedenere Dekarbonisierung der Wärme beziehungsweise eine umfassende Wärmewende.

Regulatorische Rahmenbedingen

Dass diese Wende nötig ist, haben auch die öffentlichen Akteur:innen erkannt. Viele Kantone haben ihre Energiegesetze dahingehend überarbeitet, dass bei Gebäudesanierungen auf Energieeffizienz geachtet werden muss. Zudem sollen Öl- und Gasheizungen möglichst durch erneuerbare Technologien wie Wärmepumpen, Holzschnitzel- oder Pelletheizungen oder den Anschluss an ein Wärmenetz mit erneuerbarer Wärmequelle ersetzt werden. Gerade der Heizungsersatz ist aber noch längst nicht in allen Kantonen verpflichtend, entsprechende Gesetze sind in der Vergangenheit teilweise an der Urne gescheitert. Aktuell entstehen in vielen Kantonen neue Energiegesetze oder sie befinden sich bereits in der Vernehmlassung. Regulatorisch entstehen wichtige Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Wärmewende.

Pionier der Dekarbonisierung  

Schon weit fortgeschritten ist die Wärmewende im Kanton Basel-Stadt. Ein Blick nach Basel ist gewissermassen ein Blick in die Zukunft – und dies ganz ohne Lokalpatriotismus. Der Stadtkanton hat sich bereits früh ein sehr ambitioniertes Energiegesetz gegeben, das die Basler:innen an der Urne bestätigt haben. In sämtlichen Gebäuden müssen Öl- und Gasheizung bei einem Heizungsersatz, wenn möglich, durch ein erneuerbares System ersetzt werden. Ausnahmen werden nur bewilligt, wenn der Umstieg technisch und wirtschaftlich nicht machbar ist, und sie bedingen eine deutliche Reduktion des Wärmeverbrauchs im Gebäude. Gleichzeitig hat Basel-Stadt die besten Voraussetzungen für den Umstieg. Schon heute hat die Stadt das grösste Fernwärmenetz der Schweiz: Eine Kehrichtverbrennungsanlage, zwei Holzkraftwerke sowie zwei weitere Heizkraftwerke versorgen darüber mehrere Tausend Haushalte mit klimafreundlicher Wärme. Das Fernwärmenetz wird in den nächsten Jahren weiter ausgebaut, seine Effizienz gesteigert und die CO₂-Bilanz der Wärmeerzeugung weiter verbessert. Geplant sind viele Massnahmen, die zusammengenommen Tausende Gebäude dekarbonisieren – der Strom ist für Basler Haushalte bereits 100 Prozent erneuerbar.

Der Kanton Basel-Stadt hat sich früh ein sehr ambitioniertes Energiegesetz gegeben, das an der Urne bestätigt wurde.

Nicht alle Haushalte in Basel-Stadt werden sich an das Fernwärmenetz anschliessen können. Die Industriellen Werke Basel (IWB), die auch das Fernwärmenetz betreiben, sammeln deshalb schon seit Längerem Erfahrung mit anderen Wärmelösungen. Seien es Wärmepumpen oder Holzschnitzelheizungen, die Private auch im Contracting beziehen können, indem sie die Investitionskosten über mehrere Jahre zusammen mit der bezogenen Energie bezahlen. Oder Wärmeverbünde in Arealen und grösseren Überbauungen wie dem Westfeld im Iselinquartier. Dort, auf dem Grundstück des ehemaligen Felix-Platter-Spitals, sollen 500 Wohnungen über eine Erdsondenwärmepumpe, die ihrerseits Solarstrom von den Gebäudedächern bezieht, mit Wärme versorgt werden. IWB ist für die Planung und Realisierung zuständig, Bauherrin ist eine Basler Wohnbaugenossenschaft.

Partnerschaft als Erfolgsrezept  

Das Beispiel Westfeld zeigt, was eine erfolgreiche Zusammenarbeit für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung ausmacht. Auf der einen Seite schafft die Politik nützliche Rahmenbedingungen, auf der anderen erstellen Unternehmen und Energieversorger die benötigte klimaneutrale Infrastruktur. Und schliesslich liefern Privathaushalte und Firmen die nötigen Impulse und schaffen so die Nachfrage für die Wärmewende. Diese Form der Zusammenarbeit, die Public-Private-Partnership, erfordert neben dem klassischen Auftraggeberin-Auftragnehmer-Verhältnis auch einen Dialog. Wärmetransformationen, wie sie in Basel-Stadt vorangetrieben werden, sind Mehrgenerationenprojekte. Und diese bedingen einen Austausch und einen kontinuierlichen Lernprozess. Beides soll sicherstellen, dass die nächste Generation den eingeschlagenen Weg auch weitergehen kann.

Kleinere Gemeinden wollen dekarbonisieren  

Auch ausserhalb von Basel-Stadt ist IWB als Wärmeversorgerin aktiv. Aktuell noch über ein Erdgasnetz in 33 Gemeinden in den Kantonen Basel-Landschaft, Aargau und Solothurn. Einige dieser Gemeinden haben ebenfalls die Wärmewende eingeleitet. Sie haben Energierichtpläne verfasst, die einen starken Ausbau der Wärmeversorgung aus erneuerbaren Quellen fordern. In Zusammenarbeit mit diesen Gemeinden will IWB erneuerbare Wärmeverbünde erstellen und dabei die Erfahrungen von Basel-Stadt auch in anderen Teilen der Schweiz nutzen. Der Dialog ist in diesen Fällen noch wichtiger, da es in den betreffenden Kantonen nicht überall eine gesetzliche Grundlage für ein Verbot von neuen Öl- und Gasheizungen gibt. Die Wärmewende ist hier mehr als anderswo ein komplexer Transformationsprozess. IWB unterstützt Gemeinden bei der Überarbeitung oder Neuentwicklung ihrer Energierichtpläne und berät sie zur bestehenden Infrastruktur, mit dem Ziel, frühzeitig Planungssicherheit für die Gemeinden zu erreichen und eine doppelte Infrastruktur zu vermeiden.

Die Erfahrungen von Basel-Stadt sollen auch in anderen Gemeinden genutzt werden

Probleme der Zukunft einkalkulieren  

Ein weiteres Beispiel für eine gelungene Transformation ist das Areal Hinterkirch in Reinach (BL). An einem ehemaligen Industriestandort plant und realisiert dort das Architekturunternehmen Burckhardt+Partner ein neues Quartier mit acht Mehrfamilienhäusern. Die Bauherrschaft fordert ein nachhaltiges Energiekonzept, das IWB in Partnerschaft mit weiteren Unternehmen umsetzt. Die Menschen im Areal Hinterkirch werden dereinst Strom aus acht Photovoltaikanlagen nutzen – unter anderem für die Ladestationen der Elektroautos sowie für die Wärmepumpenheizung und die Freecooling-Anlage. Letztere nutzt Umgebungswärme für das Kühlen im Sommer – eine Anforderung an das Wohnen, die in Zukunft aufgrund immer heisserer Temperaturen verstärkt gestellt wird. Deshalb ist es wichtig, Areale mit Transformationspartner:innen ganzheitlich zu planen.

Ob kleinere Beispiele wie in Reinach oder grössere wie in Basel-Stadt – die Belege dafür, dass die Wärmewende funktioniert, existieren. Ebenfalls klar ist, dass solche Beispiele bisher nur erste Puzzleteile sind. Denn die Aufgabe, die gesamte Wärmeversorgung der Schweiz zu dekarbonisieren, ist gewaltig. Allerdings scheint der Weg dahin zunehmend klar: Es braucht die richtigen politischen Rahmenbedingungen, Gemeinden, die handeln wollen, sowie Private, die die richtigen Impulse setzen. Und Transformationspartner:innen, die den grossen Umbau der Wärmeversorgung auch umsetzen.

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 1/2022 erschienen.
Titelbild: IWB


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