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Biodiversität
Fachartikel

Wie wird die Gemeinde klimafit?

Das Zürcher Quartier Greencity zeigt, wie die Kombination einer Photovoltaikanlage mit einer Dachbegrünung aussehen kann.

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6 Minuten Lesezeit

Biodiversität

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Städte und Gemeinden bereiten sich unterschiedlich auf die Klimaveränderungen im Siedlungsraum vor. Ob mit Massnahmenplänen, raumplanerischen Instrumenten oder konkreten Bauvorgaben, die Palette an Handlungsmöglichkeiten ist breit. Ein Win-win-Effekt ist dabei möglich, wenn gleichzeitig die heimische Flora und Fauna gefördert wird.

Mitte März rief der Bundesrat wegen der Coronavirus-Pandemie die ausserordentliche Lage aus. Grössere Veranstaltungen waren schon länger verboten, sämtliche Schulen wurden geschlossen, ebenso Geschäfte, Restaurants und Bars. Auch Gemeindeverwaltungen setzten immer mehr auf Homeoffice, geschlossene Schalter vor Ort, dafür Online-Services. Jede und jeder musste sich mit der Situation im persönlichen und beruflichen Umfeld neu organisieren und neue Gewohnheiten entwickeln.

Aus Krisen lernen  

Was waren nochmal die Themen, welche zuvor die Medien gefüllt hatten? Der Klimawandel? Greta? Da war eine junge engagierte Schwedin, welche durch ihre Überzeugung vieles ins Rollen gebracht hatte, das vorher undenkbar gewesen wäre. Vielerorts wurde der «Klimanotstand» ausgerufen und die Handlungsdringlichkeit im Ansatz erkannt. Doch viele konkrete Massnahmen schienen in weiter Ferne: Die Reduktion von privaten und geschäftlichen Flugreisen oder gar der Verzicht darauf, weniger Mobilität durch vermehrtes Homeoffice, die konsequente Anwendung von Telefon- oder Videokonferenzen, all dies war undenkbar.

Die negativen Folgen, die wir als Gesellschaft und Wirtschaft durch das Coronavirus zu tragen haben, sind weder fass- noch abschätzbar. Aber können wir aus der aktuellen Situation nicht auch etwas Positives in unsere Zukunft nehmen, um der nächsten Krise angemessen zu begegnen? Wir haben gelernt, Gewohnheiten zu durchbrechen, ungewöhnliche Massnahmen zu ergreifen, uns anzupassen, alltägliche Dinge zu hinterfragen, Werte neu zu definieren, kreative Lösungen zu finden, Dinge zu relativieren und anders zu sehen. 

Klimaanpassung für zukunftsfähige Gemeinden  

Die nächste Krise wird kommen. Es wird wärmer, trockener, Wetter-Extremereignisse häufen sich. Die Rede ist von der Klimakrise. Es braucht ein Durchbrechen von Gewohnheiten, ungewöhnliche Massnahmen und Kreativität. Eine Reduktion der Treibhausgase alleine wird in Zukunft nicht ausreichen. Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer deutlicher zu spüren sein, weshalb wir uns unweigerlich an die sich verändernden Klimabedingungen anpassen müssen. Jede und jeder einzelne – auch Gemeinden.

Es braucht ein Durchbrechen von Gewohnheiten, ungewöhnliche Massnahmen und Kreativität.

Aber wie geht Klimaanpassung auf kommunaler Stufe oder auf Stufe eines konkreten Bauprojekts? Die Möglichkeiten sind vielfältig. Hilfsmittel und Planungsgrundsätze gibt es bereits heute. Nun müssen wir aktiv werden. Wir bauen und gestalten Gebäude und öffentliche Räume, die auch in 40 Jahren – im Jahr 2060 – den Anforderungen unserer Gesellschaft und der Bevölkerung gerecht werden müssen.

Freiflächen, Bäume und grüne Fassaden  

Klimaangepasste Gemeinden sind begrünte Gemeinden mit bewegten Wasserflächen und freien Kaltlufttransportwegen, also mit vernetzten, zur vorherrschenden Windrichtung ideal ausgerichteten Freiflächen. Gemeinden, welche das zukünftige Klima antizipieren, setzen helle Oberflächen und durchlässige Bodenmaterialien ein und halten ihren Versiegelungsgrad tief. Einer der Schlüsselfaktoren bei Aussenräumen sind einheimische Bäume, die fähig sind, auch mit zukünftigen Klimabedingungen auszukommen. Der Umgang mit Trockenperioden, die Ausgestaltung eines tiefen Wurzelwerkes, die Frosttoleranz, aber auch die Baumpflege, die Blattanatomie und schliesslich die Blattmenge beeinflussen die Klimaanpassungsfähigkeit. Bäume brauchen unverbauten und ausreichenden Wurzelraum. Sie sollten in Zukunft vermehrt Strassenzüge säumen und Wege oder Plätze beschatten. 

Auch Dach- und Fassadenbegrünungen spielen eine wichtige Rolle. Begrünte Fassaden dämpfen nicht nur Schallwellen und reduzieren die Temperatur der Umgebung, sie können auch einen Beitrag zur Beschattung von Innenräumen leisten. Begrünte Dächer, wie diese bereits seit vielen Jahren realisiert werden, erreichen nur 25 bis 30 Grad Celsius, während ihre unbegrünten Pendants an Sommertagen durchaus Temperaturen bis 70 Grad Celsius aufweisen. Dachbegrünungen lassen sich zudem gut mit aufgeständerten Photovoltaikanlagen kombinieren. Die Stadt Zürich fordert diese Kombination mittels Bau- und Zonenordnung seit 2015. Dank der Verdunstungskühlung der Pflanzen können Photovoltaikmodule mehr Solarstrom produzieren als Anlagen ohne Kombination mit Begrünung. Voraussetzung ist eine fachgerechte Planung, um Verschattung durch Pflanzen zu vermeiden.

Auch die Artenvielfalt profitiert

In einer klimaangepassten Gemeinde werden Restflächen oder Strassenbegleitstreifen zudem nicht versiegelt. Stattdessen blühen farbenfrohe Magerwiesen oder Ruderalflächen. Wasserläufe sind offengelegt oder erweitert und reduzieren durch die Verdunstungskühlung die Umgebungstemperatur. Ausserdem leiten sie kalte Luft in den Siedlungsraum. Retentionsflächen gleichen Extremereignisse aus, reduzieren damit Schadenskosten durch Überschwemmungen, entlasten die Kanalisation oder stellen Wasser zur späteren Verdunstung oder Bewässerung zur Verfügung.

Von Massnahmen zur Klimaanpassung kann auch die Bevölkerung profitieren: An Hitzetagen erfreuen Wasserspiele Gross und Klein. Wildhecken entlang von Sportplätzen versprühen Frühlingsduft oder bieten Vögeln ein kleines Paradies an Verstecken und Nahrung. Gleichzeitig wird die Umgebung durch die Verdunstung gekühlt.

Von Massnahmen zur Klimaanpassung profitiert auch die Bevölkerung.

Nicht nur Massnahmen zur Klimaanpassung sind gefordert, sondern auch Massnahmen zur Förderung der Biodiversität. Klimaanpassung mit Grün- und Freiflächen kann einen positiven Effekt auf die Biodiversität haben. Dieser Win-win-Effekt kann dann erzielt werden, wenn einheimische Arten oder sehr nahe Verwandte verwendet und naturnahe Lebensräume geschaffen werden. Klimaangepasste Gemeinden bieten also nicht nur den Menschen in Zukunft eine hohe Lebens- und Aufenthaltsqualität, sondern genauso der heimischen Flora und Fauna.

Instrumente zur Umsetzung

Die Planungshilfe «Grün- und Freiflächen», die das Klimaprogramm des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) und Energie Schweiz für Gemeinden gemeinsam mit Energiestadt publizierten, zeigt die verschiedenen Bereiche auf, in denen Gemeinden aktiv werden können. Sie beschreibt konkrete Massnahmen und zeigt Beispiele aus anderen Gemeinden auf.

Klimaanpassungskonzepte, Masterpläne und Inventare stellen auf kommunaler Ebene essentielle Grndlagen dar. Mit Raumplanungsinstrumenten können Freiflächen und Kaltluftschneisen gesichert werden. Bauvorschriften helfen dabei, den Grünflächenanteil, den Versiegelungsgrad oder die Wahl der verwendeten Pflanzenarten zu beeinflussen. Auf öffentlichen Flächen können Gemeinden Privatpersonen zudem zeigen, was unter Klimaanpassung im Aussenraum zu verstehen ist. Parkanlagen, Schulareale, Sportanlagen, Spiel-, aber auch Parkplätze können ideale Anschauungsbeispiele sein. 

Die Gemeinde kann die Einwohnerinnen und Einwohner mit geeigneten Beratungsangeboten, Informationsmaterialien, Veranstaltungen, Wildpflanzenaktionen, Fördermassnahmen oder Gestaltungswettbewerben sensibilisieren und motivieren. Ortsansässige Vereine und Organisationen wie Natur- und Vogelschutzorganisationen, Lehrer:innen- und Schüler:innenschaften, der Zivilschutz, Gärtnereien, Genossenschaften, Familiengartenvereine oder Waldbesitzende können ausserdem für konkrete Umsetzungsprojekte oder für die Mitarbeit in Kommissionen und Arbeitsgruppen eingebunden werden. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 2/2020 erschienen. 
Titelbild: Veronika Sutter


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