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Gemeinden
Klima und Energie
Praxisbeispiel

Wil wird zum Mobilitätslabor

Ein Mann fährt mit einem E-Cargobike.

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6 Minuten Lesezeit

Klima und Energie

Praxisbeispiel

Damit die St. Galler Stadt Wil ihre Klimaziele erreichen kann, sind Massnahmen in fast allen Lebensbereichen gefragt. Mit Smart-City-Projekten und dem Programm MONAMO will die Stadt in der Mobilität neue Wege einschlagen und innovativen Lösungen eine Chance geben.

Die Stadt Wil (SG) meint es ernst: Im Mai 2019 hat das Parlament den Klimanotstand ausgerufen. Die Treibhausgasemissionen der Stadt mit rund 24'000 Einwohner:innen sollen bis 2050 auf null gesenkt werden. Noch ehrgeiziger ist das Ziel für die Stadtverwaltung formuliert: Sie will bis 2030 klimaneutral sein. Um dies zu erreichen, muss sich noch einiges tun. «Derzeit entsteht ein Massnahmenprogramm für den kommunalen Klimaschutz», erklärt Stefan Grötzinger, Energiebeauftragter der Stadt und Technischen Betriebe Wil (TBW). Zusätzlich möchte Wil bis 2022 «Energiestadt Gold» werden [Anm. d. Redaktion: dieses Ziel hat Wil mittlerweile erreicht]. 

Diese Ziele strebt Wil als Smart City an. Im Februar präsentierte der Wiler Stadtrat dazu die Rahmenstrategie, welche in einem partizipativen Verfahren entstanden ist. Darin spielt auch die Mobilität eine wichtige Rolle: Intelligente Mobilitätsangebote sollen die Lebensqualität steigern und zur Schonung der Umwelt beitragen.  

Testumgebung schaffen 

Bei der Umsetzung des Smart-Mobility-Konzepts setzt MONAMO an. Das Programm von EnergieSchweiz mit dem ausgeschriebenen Namen «Modelle nachhaltige Mobilität in Gemeinden» unterstützt innovative Ansätze für eine nachhaltige Gemeindemobilität in fünf Kleinstädten. Dafür hat sich auch die Stadt Wil beworben – mit Erfolg: «Wir haben Ende 2019 die Zusage dafür erhalten. Nun wird im partizipativen Prozess ein Umsetzungsprogramm bis Ende dieses Jahres erarbeitet», erklärt Grötzinger. Konkret geht es darum, innert sechs Jahren zur Modellstadt mit mehr Mobilität und weniger Verkehr zu werden, und dies mittels Subventionen von EnergieSchweiz von bis zu 40 Prozent der Kosten in der Höhe von 500'000 Franken. 

Ein wichtiger Aspekt von MONAMO ist die Entwicklung und das Testen neuer Ideen. «Wir möchten im Labor-Ansatz neue Dienstleistungen ausprobieren», so Grötzinger. Dabei helfen unter anderem sogenannte Pitch-Sessions, in denen innovative Mobilitätsanbieter Lösungen und Produkte präsentieren können. Das Schaffen einer Testumgebung ist für Grötzinger essenziell: «Trial-and-Error, das ist für Wil ein idealer Ansatz. Man sollte neue Dienstleistungen direkt erlebbar machen und so die Möglichkeit schaffen, Erfolgsmodelle zu skalieren.»  

Gemeinsame Projektentwicklung 

Wie die Pitch-Sessions bereits vermuten lassen, macht sich die Stadt Wil nicht alleine auf die Suche nach Lösungen für die Mobilität der Zukunft. Partizipation und Zusammenarbeit werden im Modellstadt-Vorhaben grossgeschrieben. So sollen Politik und Verwaltung, Mobilitätsakteure, Unternehmen, die Bevölkerung, Vereine und Institutionen bei der Ausgestaltung der Projekte mitreden. Das Ziel ist es, im partizipativen Prozess Massnahmen in vier Handlungsfeldern zu erarbeiten: 

  • Human Powered Mobility 

  • Shared Mobility 

  • Smart Logistics 

  • E-Mobility 

Spielerisch an Neues herantasten 

Die vier Handlungsfelder tönen modern, das riecht nach Innovation. Doch die Stadt Wil sieht sich teils mit der Skepsis der Bevölkerung gegenüber neuen Ansätzen konfrontiert. Neue Angebote würden zu Beginn oft nur zögerlich genutzt, weiss Grötzinger aus Erfahrung. «Verhaltensänderungen und das Aufbrechen der Routinen sind grosse Herausforderungen.» Der Energiebeauftragte hat gelernt, dass spielerische Ansätze dabei helfen. Denn: «Spielen ist ein Grundbedürfnis und schafft einen positiven emotionalen Zugang zu Neuem.» 

«Verhaltensänderungen und das Aufbrechen der Routinen sind grosse Herausforderungen.»

Stefan Götzinger, Energiebeauftragter der Stadt und Technischen Betriebe Wil

Bei der alljährlichen «Energie Trophy» anlässlich des Wiler Spielfests zeigen die TBW, wie man das Thema Energie «lustvoll» präsentieren kann. Mit einem Energie-Parcours schafften es Grötzinger und seine Kollegen dadurch, dass sich Jung und Alt spielerisch mit Themen der energieeffizienten Mobilität oder dem eigenen Energieverbrauch auseinandersetzten. Zu sehen, wie sich hunderte Besucherinnen und Besucher bis zu 45 Minuten nur mit dem Thema Energie und deren persönlichen Optimierung befassten, beschreibt Grötzinger als Erfolgserlebnis. «Auch wenn es in den letzten Jahren populärer geworden ist, investieren die Leute normalerweise nicht so viel Zeit in ein Thema wie Energie. Durch den spielerischen Ansatz kommt es lockerer rüber. So hat man weniger Angst, auch einmal Unbekanntes auszuprobieren.» Das gelte sowohl für die Personen, die sich mit dem Spiel an Neues herantasten, als auch für diejenigen, die im Mobilitätslabor der Zukunft Dienstleistungen testen.  

Immer mehr E-Cargovelos in Wil unterwegs 

Noch bevor MONAMO in die Umsetzungsphase geht, gibt es in der Stadt Wil bereits verschiedene Mobilitätsprojekte, die für energieeffiziente Mobilität und neue Ansätze sensibilisieren und werben sollen. Zur Förderung der Elektro- und Zweiradmobilität stellt Wil in einer Public-Private-Partnerschaft zehn Unternehmen und Stockwerkeigentümerschaften noch bis Ende des Sommers je ein E-Cargovelo kostenlos zur Verfügung. Falls die Nutzung überzeugt, kann das platzsparende Dienstfahrzeug zu Vorzugskonditionen erworben werden. «Das sind fahrende Testimonials, welche weitere Leute motivieren», so Grötzinger. Dank einer Förderaktion des Wiler Energiefonds seien mittlerweile gesamthaft bereits 30 solcher E-Cargobikes auf den Wiler Strassen unterwegs. Damit weist Wil nun die höchste Cargobike-Dichte der Schweiz auf.  

Niederschwellige Sensibilisierung 

Ein weiteres Projekt mit umweltfreundlichen E-Cargovelos sollte eigentlich erst im Frühjahr 2021 lanciert werden. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde der Projektstart aber kurzerhand um ein Jahr vorgezogen. Seit Ende April können Wilerinnen und Wiler mit «viaVelo-Wil» ihre Einkäufe für fünf Franken per Heimlieferservice nach Hause bringen lassen. Das Projekt entstand aus einer Zusammenarbeit der Stadt Wil mit den Heimstätten Wil, dem lokalen Veloverein und WIL Shopping.  

Mit dem Projekt verfolgt die Stadt das Ziel, das Einkaufen ohne Auto zu fördern, indem Bewohner der Heimstätten Wil ihnen die Einkäufe nach Hause bringen. Zwar ist die dazugehörige App noch in Entwicklung, doch mittels Onlineformular gelang es, während der Quarantäne-Zeit bereits eine «Light-Version» zu lancieren.  

Zusätzlich zu den CO₂-Einsparungen der verschiedenen Projekte möchte die Stadt die Bevölkerung mit allen Aktivitäten auch für eine neue, intelligente Mobilität sensibilisieren. Je mehr E-Cargovelos zum Beispiel unterwegs seien und wahrgenommen würden, umso mehr Akzeptanz finde das Thema, ist Grötzinger überzeugt. «Die Bevölkerung und Unternehmen sollen niederschwellig mit neuen Mobilitätsangeboten in Berührung kommen, einfachen Zugang dazu finden und diese nutzen.» 

Der Artikel ist in der «Schweizer Gemeinde» 6/2020 erschienen. Titelbild: Technische Betriebe Wil


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