Zwischennutzungen als Chance

Brachen gelten als ungewünschtes provisorisches Niemandsland, kein beliebter Anblick. Doch kann auch eine scheinbar nutzlose Fläche mit Engagement und dynamischem Prozess zu einem lebendigen Quartiertreff werden. Das zeigt das Beispiel der Brache Eichwald in Luzern.
Viele Gemeinden sehen sich im öffentlichen und privaten Raum mit Flächen konfrontiert, die kurz- oder mittelfristig auf eine neue Nutzung warten. Dies gilt nicht nur für leerstehende Gebäude, denen ihr ursprünglicher Nutzen abhandengekommen ist und die immer öfter zu Co-Working-Räumen umgestaltet werden. Auch leere Areale führen zu unerwünschten kurz- oder sogar mittelfristigen Lücken im Ortsbild – ein Symbol für gescheiterte Planung für die einen, eine Einladung zu kreativer Selbstverwirklichung für die anderen. Für Gemeinden, die aktuelle gesellschaftliche Trends zu mehr Partizipation aufnehmen möchten, bieten Zwischennutzungen eine Chance, um die lokale Lebensqualität zu fördern.
Zufällig entstanden
Brachen entstehen aus vielerlei Gründen. Planungen kommen ins Stocken, Einsprachen können Bauprojekte verzögern oder die Finanzierung zieht sich länger hin als geplant. Die Zeit- und Raumlücken haben jedoch grosses Potenzial für die Quartierentwicklung, für gelebte Suffizienz und für die Biodiversität im Siedlungsraum. Matthias Bürgin berät mit seiner Firma büro metis Gemeinden, unter anderem bei der Entwicklung von Nutzungsmöglichkeiten für Brachflächen. Er sagt: «Leider prägen noch immer Vorstellungen von Unordnung, Hinterhöfen und schwieriger Mieterschaft die Diskussion um Zwischennutzungen. Dabei ist dieses klischierte Bild längst überholt.» Das gesellschaftliche Potenzial solcher Flächen sei jedoch enorm. Luzern beispielsweise hat dies erkannt: «Die Stadt unterstützt und fördert Zwischennutzungen auf ihrem Gebiet», bestätigt Michael Städelin, Projektleiter Immobilien bei der Stadt Luzern. Er begleitete unter anderem die Entwicklung der Brache Eichwald.
Kontrolliert entwickelt
Die Initiative, eine Brache zu beleben, entsteht oft im Quartier selbst, so auch in Luzern. Die Initiative von Anwohnerinnen und Anwohnern stiess bei der Stadtverwaltung auf offene Ohren. Doch soziokulturelle Projekte – darauf laufen Zwischennutzungen dieser Art meist hinaus – sind auf Verwaltungsebene oft nicht klar zuzuordnen. Es hilft deshalb, wenn die Verwaltung darauf vorbereitet ist. «Weil die Begleitung einer solchen Entwicklung nicht zu den Kernaufgaben einer Verwaltung gehört, ist eine grundsätzliche politische Haltung dazu unabdingbar, auch wenn selten ein konkreter politischer Auftrag vorliegt», sagt Städelin.
Die Initiative, eine Brache zu beleben, entsteht oft im Quartier selbst.
In Luzern hatte der Stadtrat bereits zu einem früheren Zeitpunkt festgehalten, dass er Anfragen für Zwischennutzungen auf der Brache Eichwald grundsätzlich begrüsst. «Es ist wichtig, dass die Rollen früh geklärt werden. Denn Initiantinnen und Initianten sind auf kompetente Ansprechpersonen und die Unterstützung vonseiten der Verwaltung angewiesen. Gleichzeitig liegt es im Interesse der Verwaltung, die Entwicklung zu unterstützen, zu begleiten und zu steuern. Kommunikation, Partizipation und politische Akzeptanz sieht Städelin dabei als zentrale Erfolgsfaktoren. Dazu kommt die Bereitschaft der Verwaltung, Ressourcen zur Verfügung zu stellen.
Breit abgestützt
So wertvoll das Engagement aus dem Quartier für das Quartier ist, so vielfältig sind die damit verbundenen Ansprüche und Vorstellungen. Zwischennutzungen sind kein genereller Freibrief: Auch sie unterstehen gesetzlichen Rahmenbedingungen und müssen Auflagen erfüllen. Das sei am Anfang nicht immer allen Beteiligten klar, sagt Städelin. Dazu können Vorbehalte aus der Anwohnerschaft kommen, die es einzuordnen und aufzufangen gilt.
In der Umsetzung bedeute dies, das Gespräch mit Beteiligten und Betroffenen zu suchen, Erwartungen zu klären, Grenzen auszuloten und Lösungen zu entwickeln. Auch Quartiervereine können dabei eine wichtige Rolle spielen. Als Kompromiss möchte Städelin die Lösung für die Brache Eichwald nicht bezeichnen, eher als breit abgestützte Interessensabwägung. Wichtig sei es, das Projekt objektiv und von allen Seiten zu betrachten, die Verhältnismässigkeit zu wahren und eine Position zu beziehen. «Dass mit dem Ergebnis am Ende nicht alle zufrieden sind, muss man aushalten», erklärt er.
Vom Quartier fürs Quartier
Doch wie förderte Luzern die Entwicklung auf der Brache Eichwald konkret? Wichtig sei eine gewisse Flexibilität in der Begleitung, sagt Städelin. Die Stadt bewilligte 2018 zunächst während der Fussballweltmeisterschaft in einem ersten Schritt ein Public Viewing mit Barbetrieb. So ermöglichte sie den Initiantinnen und Initianten, in Form eines Projekts Erfahrungen zu sammeln und ihre längerfristigen Ideen und Vorstellungen zu konkretisieren.
Als Projekte mit kurzer Laufzeit sind solche Veranstaltungen aber auch für die Stadt ein Testlauf. Klappt die Zusammenarbeit? Bewährt sich das Engagement in der Praxis? Der Versuch auf der Brache Eichwald endete erfolgreich. Der Verein Brache Eichwäldli (Kubra) wurde erweitert, mit dem Ziel, die Brache auch längerfristig zu nutzen. Die Erfahrungen mit der befristeten Bewilligung mündeten in ein erstes konkretes Nutzungskonzept, das wiederum die Basis für eine Nutzungsvereinbarung bildete.
«Wichtig sei eine gewisse Flexibilität in der Begleitung.»
– Michael Städelin, Projektleiter Immobilien, Stadt Luzern
Die Zusammensetzung des Vereins bezeichnet Städelin dabei als Glücksfall. Kompetenzen der Mitglieder in den Bereichen Kommunikation, Organisation und Finanzen stärkten die Professionalität und das gegenseitige Vertrauen. Denn auch wenn die Unterstützung durch Verwaltung und Politik ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, ohne entschlossenes freiwilliges Engagement sieht Städelin geringe Chancen für solche Projekte, da nicht zuletzt der Aufwand oft unterschätzt wird. Der Verein Kubra wirkt inzwischen primär als Koordinator und nicht als Veranstalter – eine Win-win-Situation: Der Verein kann auf Anfragen niederschwelliger und flexibler eingehen, die Zuständigkeiten sind klar, die Stadt hat klare Ansprechpartner. Für Städelin ist ein partizipativer Prozess der Weg zum Ziel: «Jeder Schritt bringt neue Erkenntnisse, die wieder in die Weiterentwicklung des Konzepts fliessen.»
Nebeneffekt Biodiversität
Zwischennutzungen in Gemeinden können zu ganz unterschiedlichen soziokulturellen Angeboten führen, wie Quartiertreffs mit Repair-Cafés, Veranstaltungsreihen mit lokalen Kulturschaffenden oder Popup-Ateliers von Künstler:innen. Gerade Brachen verfügen als im Siedlungsgebiet selten gewordene Ruderalflächen zusätzlich über ein Potenzial zur Biodiversitätsförderung. Für den Schutz der lokalen Tier- und Pflanzenwelt kann die Gemeinde Auflagen erlassen. Entsprechende Öffentlichkeitsarbeit während der Zwischennutzung kann bei der Quartierbevölkerung das Verständnis für die Artenvielfalt im Siedlungsraum stärken.
Experiment auf Zeit
Dass auch erfolgreiche Zwischennutzungen ein Ablaufdatum haben, liegt in der Natur der Sache. Die Brache Eichwald wird in circa fünf Jahren einer Dauernutzung weichen. «Kein Grund zur Trauer», findet Städelin, «in fünf Jahren passiert in einem Quartier viel, und das Projekt und auch das Interesse der Initiantinnen und Initianten wird sich bis dahin weiterentwickeln.» Freiwilliges Engagement ist oft auch ein Engagement auf Zeit, was auch den Reiz von Zwischennutzungen mit sich bringt. Die Zusammensetzung der Quartierbevölkerung ändert sich. Die Vergänglichkeit ist Bestandteil des Konzepts. Und genau diese Vergänglichkeit eröffnet Gemeinden die Chance auf ein Experiment auf Zeit, mit neuen Erfahrungen zur Steigerung der Lebensqualität im Quartier.
Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 3/2019 erschienen.
Titelbild: Emanuel Walliman