Der Blick über den Tellerrand

In der Schweiz werden zu viele Lebensmittel weggeworfen. Dabei liesse sich mit einfachen Massnahmen viel davon verhindern.
Die Schweiz hat das grosse Privileg, qualitativ hochwertige Lebensmittel in Hülle und Fülle zur Verfügung zu haben. Die Kehrseite: Viel zu oft werden Lebensmittel nicht gegessen, weil sie vermeintlich nicht perfekt sind. Sei es, weil sie aufgrund natürlicher Schönheitsfehler gar nicht erst in den Verkauf gebracht werden – oder aber, weil ein Lebensmittel im Haushalt alt wird und irgendwann im Kehricht landet. Jährlich fallen so in der Schweiz 2,8 Millionen Tonnen Food Waste an. Das entspricht 4,5-mal dem Gewicht der Schweizer Bevölkerung.
Die drastischen Folgen von Food Waste
In der Schweiz verursacht die Ernährung rund 30 Prozent aller Umweltbelastungen. 25 Prozent davon sind auf Food Waste, also vermeidbare Lebensmittelverluste, zurückzuführen. Mit der Verschwendung von Lebensmitteln gehen eine Vielzahl von Ressourcen verloren: Unter Einbezug der gesamten Wertschöpfungskette bräuchte man über die Hälfte der Landwirtschafts-Fläche der Schweiz für den Anbau der weggeworfenen Lebensmittel.
Auch die benötigte Energie für die Produktion, Ernte, Verarbeitung, Lagerung und den Transport fällt ins Gewicht: Die Umweltbelastung durch Food Waste entspricht dem Wert der Hälfte der Schweizer Umweltbelastung durch den motorisierten Individualverkehr. Des Weiteren verursacht Food Waste den unnötigen Einsatz von Pestiziden, Düngemittel, Wasser und Verpackungsmaterialien.
Haushalte spielen wichtige Rolle
Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) entsteht ein grosser Teil der vermeidbaren Abfälle in Haushalten. Pro Person und Jahr gehen hier rund 90 Kilogramm Lebensmittel verloren. Das fällt mit 38 Prozent Umweltbelastung im Bereich Ernährung innerhalb der Lebensmittelverluste am meisten ins Gewicht. An zweiter Stelle steht die Verarbeitungsindustrie mit 27 Prozent, gefolgt von der Gastronomie mit 14 Prozent und dem Gross- und Detailhandel mit 8 Prozent. Die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln, die ganz am Anfang der Kette steht, macht 13 Prozent der Umweltbelastung aus, wobei diese grösstenteils im Ausland anfällt.
Der Grund, warum Haushalte derart ins Gewicht fallen: Sie stehen am Ende der Wertschöpfungskette, während wodurch sich die Umweltbelastungen der vorgelagerten Prozesse summieren. Deshalb spielen Konsument:innen eine so wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Food Waste.
Weniger Fleisch bringt am meisten
Nicht jeder Lebensmittelabfall ist gleich umweltbelastend, denn es kommt auf das Produkt und seine Herstellung an. Die Verschwendung von 200 Gramm Salat, der im besten Fall im hauseigenen Garten wuchs, ist beispielsweise bedeutend weniger belastend als 200 Gramm Rindfleisch: Im schlechtesten Fall wurde dafür Regenwald im Amazonas abgeholzt, um das Rind in Europa mit Soja zu füttern. Tierische Produkte fallen generell mehr ins Gewicht, weil zuerst Unmengen Futter angebaut und die Tiere eine gewisse Zeit gehalten werden müssen, bis sie geschlachtet werden.
Bei der Bekämpfung von Food Waste spielen Kosument:innen eine wichtige Rolle.
Bevor man sich also den Kopf darüber zerbricht, ob die Tomate aus dem Schweizer Gewächshaus die bessere Umweltbilanz hat als jene aus Spanien, sollte man sich fragen: Kann und will ich den Verzehr von tierischen Produkten reduzieren? Kaum ins Gewicht fallen übrigens Verpackungen, weil sie – mit Ausnahme von Getränkeverpackungen – meist weniger als ein Prozent der gesamten Umweltbelastung ausmachen.
Richtig einkaufen und lagern
Wer nicht zu viel kauft, verschwendet weniger. Deshalb kommt der Einkaufsplanung eine grosse Bedeutung zu. Ein Blick in den Kühlschrank hilft, dass nichts doppelt eingekauft wird; der klassische Einkaufszettel ist bestes Mittel gegen die Versuchung im Laden. Wer hungrig oder gestresst einkaufen geht, kauft eher Dinge, die nicht gebraucht werden. Ein schöner Nebeneffekt: Weniger Food Waste schont auch das Portemonnaie. Denn in der Schweiz landen pro Person rund 620 Franken durch Food Waste im Abfall. Und beachtet man einige Grundsätze der korrekten Lagerung, wird man durch lang haltbare und geschmackvolle Lebensmittel belohnt. So gehören beispielsweise wasserhaltige Gemüse wie Gurken oder Tomaten sowie exotische Früchte nicht in den Kühlschrank.
Haltbarkeit richtig einschätzen
Wichtig ist auch die korrekte Interpretation der Haltbarkeitsdaten. Während das Mindesthaltbarkeitsdatum bei lange haltbaren Lebensmitteln problemlos überschritten werden kann, sollte man das Verbrauchsdatum bei leicht verderblichen Lebensmitteln wie Fleisch oder Fisch einhalten. Ob ein Lebensmittel noch gut ist oder nicht, kann man gut auch mit den Sinnen testen: Nase, Augen und Gaumen helfen uns bei der Einschätzung. Sind Farbe, Konsistenz, Geruch und Geschmack normal, kann das Lebensmittel bedenkenlos gegessen werden.
Reste aufheben und verwerten
Zu guter Letzt gibt es unzählige Lösungen im Umgang mit Resten. Viele Restaurants packen bereitwillig Reste für ihre Gäste ein – was es braucht, ist nur etwas Mut, diesen Wunsch zu äussern. Und auch zu Hause kann man noch viel aus Resten machen: Wie wärs mit einem Smoothie aus braunen Bananen, einer Torta di Pane aus altem Brot oder Gemüseschalen-Chips?
Insgesamt liesse sich durch eine Halbierung von Food Waste die ernährungsbedingte Umweltbelastung um 10 bis 15 Prozent senken – ein wesentlicher Beitrag zu einem zukunftsfähigen, ressourceneffizienten und klimafreundlichen Lebensstil.
Der Artikel ist im «SCHULEkonkret» 5/21 erschienen.
Titelbild: Pusch