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Schule Wald AR

Behutsam legen Juna und Aurea die Äste zu einem Asthaufen übereinander. «Er muss stabil sein und auch der Zugang zum Innenraum soll zum Beispiel für den Igel möglich sein», erklärt Aurea. Weiter hangabwärts bauen andere Kinder der 5./6. Klasse des Schulhauses Wald eine Sandsteinmauer und in der Nähe befestigen Fabio und Rico ein selbstgebautes Bienenhotel an einem Pfosten. Bis zu zwei Mal pro Woche arbeitet die Klasse von Werner Hugentobler während des Werk- und NMG-Unterrichts in ihrer Naturoase – ein Projekt, das die Kinder der Schule Wald (AR) von A bis Z mitgestaltet haben.

Lebensräume schaffen

«Der Anstoss zum Projekt kam aus dem Schülerrat», blickt der Primarlehrer Werner Hugentobler, Primarlehrer an der Schule Wald, zurück. Zufälligerweise drückten gleich mehrere Klassen den Wunsch aus, etwas für die Tiere und die Umwelt zu tun. Schnell sei man bei der Idee eines Naturgartens gelandet, wofür die Kinder Feuer und Flamme waren. Die Klasse recherchierte in Gruppen zu verschiedenen Themen wie Steinhaufen, Blumenwiesen, Sträucher etc. und fertigten Skizzen vom Vorhaben an. Der Schülerrat besprach die Ideen mit den Lehrpersonen und trug sie wieder in die Klassen zurück. So nahm das Projekt nach und nach Gestalt an. «Die Lehrpersonen haben die Kinder beratend begleitet, Entscheide fällten – wenn immer möglich –  die Schulkinder», so Hugentobler. Das habe sehr gut funktioniert und wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, wurde das ausdiskutiert. 

Die Thematik der Biodiversität ist aktueller denn je: Seit Jahrzehnten nimmt die Biodiversität in der Schweiz ab. Mittlerweile sind gemäss Bundesamt für Umwelt die Hälfte der Lebensräume und ein Drittel der Arten bedroht. Ein Hauptgrund ist der Verlust von Lebensräumen durch die Zersiedelung und durch veränderte Nutzung. Das bleibt auch für den Menschen nicht ohne Folgen, denn intakte Ökosysteme übernehmen wichtige Funktionen wie die Bestäubung von Kulturpflanzen, Stabilisierung von Böden, die Reinigung von Luft, Boden und Wasser und nicht zuletzt ist auch der Erholungsaspekt einer intakten Landschaft für uns Menschen nicht zu unterschätzen. Schulen können mit der Umgestaltung ihres Aussenraums neue Lebensräume schaffen und Biodiversität praktisch erlebbar machen.

Wirkung über Schule hinaus

Nachdem die Schule einen Konsens zum Vorhaben erarbeitete, konnten die Kinder bei der Gemeinde die Baubewilligung einreichen. Sie erklärten im Antrag, dass mit einem Weiher Amphibien oder Insekten gefördert werden können, weil sie diesen als Laichplatz nutzen; dass bestimmte Vogelarten am Boden brüten und somit eine Wiese benötigen; dass Sträucher wie der Schwarze Holunder oder die Kornelkirsche als Bienenweide dienen; mit einem Asthaufen Wiesel angelockt werden können; eine Sandsteinmauer Eidechsen einen Lebensraum bieten etc. Das Engagement der Primarschülerinnen und -schüler zahlte sich aus, die Baubewilligung wurde erteilt und der Umsetzung stand – abgesehen von der coronabedingten Verzögerung – nichts mehr im Wege.

Im Herbst 2020 konnte mit der Fertigstellung des Weihers ein Meilenstein erreicht werden. «Als wir das Wasser einlaufen liessen, war das wie eine Belohnung für die ganze Arbeit», erinnert sich der 12-jährige Rico. «Der Naturgarten fand ein grosses Echo im Dorf», erzählt Hugentobler. «Die Leute kamen, blieben bei der Naturoase stehen und die Kinder konnten als Experteninnen und Experten Auskunft geben.» Einige Familien legten auf Initiative der Kinder auch zu Hause Stein- und Asthaufen an. Die Dorfzeitung berichtete über die Schülerinitiative, es gab eine Infoveranstaltung für den Gemeinderat, wo die SchülerInnen die einzelnen Bereiche des Naturgarten vorstellten. Zu merken, dass sich die Erwachsenen für ein Projekt der Kinder interessieren, habe diese sehr motiviert, blickt Hugentobler zurück.

Zusammenarbeit mit Gemeinde und Privaten

Die Unterstützung der Schulleitung, des Lehrpersonenteams sowie des Hauswarts sind ein Muss für ein solches Projekt. Ebenso war man in Wald auf Freiwilligenarbeit von Familien und Privatpersonen der Gemeinde angewiesen, da das von der Schule zur Verfügung gestellte Finanzbudget nicht ausreichte. Glücklicherweise unterstützte die Gemeinde das Projekt. Wichtig war jedoch, dass sich die Klassen selbst um weitere Finanzierungshilfen bemühten, was schliesslich gelang: Mit dem Förderbeitrag der Stiftung Pusch aus dem Programm «Biodiv im Naturraum Schule» konnten die Materialien für eine Sandsteinmauer sowie eine Blumenwiese finanziert werden. Stand die Klasse irgendwo an, musste sie kreativ werden: Sponsoren suchen, Eltern und Bekannte anfragen und auf vorhandenes Know-how zurückgreifen. Die Kinder haben so auch ein Gespür für die Ausgaben bekommen. «Sie waren beispielsweise überrascht, dass die Kosten für die Sandsteine aus der Bodenseeregion tiefer waren als der Transport zur Schule», so der Primarlehrer. Solche Dinge gelte es durchzudenken, wenn es um die Wahl von Kleinstrukturen geht.

Voneinander lernen

Bei so einem Projekt lernen die Kinder auf verschiedensten Ebenen, vor allem aber viel voneinander. So vertieften sich die Kinder in Gruppen zu einem bestimmten Thema, beispielsweise zur Sandsteinmauer, zum Weiher und zu den Büschen, hielten in der Klasse Vorträge über einzelne Bereiche und wurden so zu Klassenexperten auf ihrem Gebiet.
Neben dem Wissen über Artenvielfalt erweitern die Kinder auch ihre überfachlichen BNE-Kompetenzen, wie im Lehrplan 21 gefordert. Sie lernen debattieren, argumentieren, Erfahrungen teilen, andere Meinungen respektieren, Kompromisse schliessen, Entscheidungen treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Auch die Aufmerksamkeit gegenüber der Umwelt wird gesteigert: «Ich nehme wahr, dass sie achtsamer durch ihre Umgebung gehen als vorher, das ist schön», sagt Hugentobler.

«Glögglifrosch» und Feuersalamander

Welche Tiere der Naturgarten alles anlockt, wird sich erst nach und nach zeigen. «Damit zum Beispiel Igel oder Kröten reinkommen können, hat man den Zaun um 15 cm angehoben», sagt Juna und deutet auf die Umrandung, welche die 110 m2 grosse Naturoase umgibt. Die Kinder der 5./6. Klasse dokumentieren Veränderungen genau: Sie fotografieren, protokollieren und schreiben ein Journal, welches sie auch der Gemeinde zugänglich machen. Pusch bietet dazu Materialien zur Erforschung und Dokumentation an. «Wir hoffen, dass der «Glögglifrosch» oder der Feuersalamander sich bei uns niederlassen,» wünscht sich Aurea. Etwas haben sie nachgeholfen und bei einem benachbarten Weiher Kaulquappen geholt. Wasserläufer und zwei Molche sind bereits im Weiher zu beobachten und Kohlmeisen haben sich im Vogelhaus eingenistet.

Auch in Zukunft wird die Fläche unter Begleitung einer Lehrperson von den 5./6.-Klässlern der Primarschule gepflegt werden. Viele Kinder freuten sich deshalb, wenn sie endlich in die 5. Klasse kämen, so Hugentobler. Er wird bald pensioniert, doch ist überzeugt: «So lange sich die Kinder interessieren, wird der Naturgarten weiter bestehen.»

Das Wichtigste in Kürze:

Schule

Schule Wald, Wald AR

Anzahl Lehrpersonen

11 Lehrerinnen und Lehrer

Anzahl SuS

59 Schülerinnen und Schüler

Projektdauer

2020 bis 2022

Projektkosten

ca. CHF 4500.-

Projektteam

Werner Hugentobler (Klassenlehrer)

Involvierte Partner

Gemeinde Wald

Erfolgsfaktoren

  • Ein Schülerparlament ist ein sinnvolles Instrument, ein schulübergreifendes Projekt zu initiieren.
  • Entscheide fällen wenn immer möglich die Schulkinder – die Lehrpersonen stehen beratend zur Seite
  • Die Unterstützung der Schulleitung, des Lehrpersonenteams sowie des Hauswarts sind ein Muss für ein solches Projekt.
  • SchülerInnen vertiefen sich zu einem bestimmen Thema, werden so Experten und lernen voneinander.