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Abfall und Konsum
Fachartikel

Was ist eine Ökobilanz?

Corinna Bolliger
Eine junge Frau hält mehrere Tomaten in die Kamera

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7 Minuten Lesezeit

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Eine Ökobilanz zeigt, wie stark sich ein Produkt oder eine Dienstleistung auf die Umwelt auswirkt. Die vertiefte Analyse der Umweltbelastungen ist aber sehr komplex. Wie entstehen also solche Ökobilanzen? Und was macht eine Studie vertrauenswürdig? Wir bringen Licht ins Dunkel.

Jedes Produkt und jede Dienstleistung wirkt sich in irgendeiner Form während des gesamten Lebenszyklus auf die Umwelt aus. Eine Ökobilanz, auch Life Cycle Assessment (LCA) genannt, analysiert diese Umweltauswirkungen systematisch. Dabei berücksichtigt sie alle Schritte vom Ressourcenabbau und der -aufbereitung, über die Herstellung, den Transport, die Nutzung bis hin zur Entsorgung.

Grafik des Lebenszyklus eines Produkts, vom Rohstoffabau über Herstellung, Transport, Nutzung bis zur Entsorgung und dem Recycling

Bei der Ökobilanz geht es – wie der Name vermuten lässt – um die ökologischen Auswirkungen über den Lebenszyklus hinweg. Soziale Aspekte und andere Dimensionen der Nachhaltigkeit fliessen nicht in die Beurteilung ein.

Was ist der Nutzen einer Ökobilanz?

Um eine nachhaltigere Entwicklung zu fördern, helfen Ökobilanzen dabei, die Umweltauswirkungen von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen zu erfassen. Das heisst, sie zu quantifizieren, zu bewerten und zu kommunizieren.

Wo Ökobilanzen unter anderem gebraucht werden:

  • Nachhaltigkeitsmanagement: Unternehmen nutzen Ökobilanzen, um die Umweltauswirkungen ihrer Produkte und Prozesse zu kennen und zu reduzieren. Die Resultate helfen, nachhaltigere Alternativen zu finden, sei dies in der Materialbeschaffung, der Produktion, im Transport oder bei der Verpackung. 

  • Produktentwicklung und Design: Werden Ökobilanzen bereits während der Entwicklungsphase neuer Produkte erstellt, können Umweltaspekte früh in die Entwicklung integriert werden. Das Ziel: umweltschädliche Materialien oder Prozesse zu vermeiden.

  • Konsum: Ökobilanzresultate zeigen Konsumierenden, wie stark ein Produkt die Umwelt belastet. So können sie fundierte Kaufentscheidungen treffen.

  • Politik und Regulierung: Regierungen, Politiker:innen und internationale Organisationen nutzen Ökobilanzen zur Entwicklung von Umweltpolitik und -standards. Damit unterstützen sie Umweltziele, wie die Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen oder die Förderung der Kreislaufwirtschaft.

Wie entsteht eine Ökobilanz?

Eine normkonforme Ökobilanz wird in vier Schritten erstellt. Da die Erarbeitung sehr komplex ist, bedienen wir uns hier eines Beispiels aus dem Alltag: Wir vergleichen ein Kilogramm Tomaten, die hier in der Schweiz verkauft werden (siehe auch Beitrag «Die Tomate im Umwelt-Check»).

1. Ziel und Untersuchungsrahmen definieren: In einem ersten Schritt wird festgelegt, was untersucht werden soll, welche Systemgrenzen die Analyse hat, also was sie beinhaltet und was nicht, und was die zu untersuchende funktionelle Einheit ist.

Am Beispiel der Tomaten

Das Ziel der Ökobilanz ist ein Vergleich verschiedener Tomaten-Anbausysteme an unterschiedlichen Orten. Dabei ist der vergleichende Wert, die sogenannte funktionelle Einheit: 1 Kilogramm Tomaten, verkauft in der Schweiz.

Dabei werden der Abbau der Ressourcen, die Produktion, der Transport und der Verkauf in der Schweiz berücksichtigt (= innerhalb der Systemgrenzen). In der Ökobilanz nicht inkludiert (= ausserhalb der Systemgrenze) ist die Konsumphase, also wie die Konsument:innen die Tomaten verwerten, und die Entsorgung, falls die Tomaten nicht gegessen wurden.

2. Sachbilanz: Alle Inputs (Rohstoffe und Energie) sowie Outputs (Emissionen und Abfälle) sämtlicher Lebensphasen des Produkts werden erfasst.

Am Beispiel der Tomaten

Inputs, die hier erfasst werden, sind beispielsweise die fossilen Brennstoffe für das Gewächshaus, Setzlinge, Dünger und Pestizide. Hinzu kommen Outputs wie zum Beispiel Kohlenstoffdioxid, Methan, Nitrat oder Pflanzenabfälle.

3. Wirkungsabschätzung: Anschliessend werden die erfassten Daten auf ihre Umweltauswirkungen hin bewertet. Zu den Umweltauswirkungen zählen hier beispielsweise Treibhausgas-Emissionen, Wasserverbrauch oder Eutrophierung (Nährstoffanreicherung in Ökosystemen durch Überdüngung).

Am Beispiel der Tomaten

Die Umweltauswirkungen werden in diesem Beispiel mit der Methode der ökologischen Knappheit berechnet und in Form von Umweltbelastungspunkten quantifiziert (siehe Box «Was sind Umweltbelastungspunkte?»).

4. Auswertung: Aus den Resultaten werden Ergebnisse und Schlussfolgerungen gezogen und für die Publikation häufig visuell aufbereitet. Durch Diagramme und Grafiken werden die Resultate verständlicher und vergleichbarer.

Am Beispiel der Tomaten

Die Resultate in Form von Diagrammen zeigen auf einen Blick verschiedene Erkenntnisse, beispielsweise wie die Ökobilanz von Tomaten aus dem beheizten Schweizer Gewächshaus gegenüber Tomaten aus Spanien abschneiden.

Die Resultate einer solchen Ökobilanz verhelfen zu umweltfreundlicheren Entscheidungen. Beim Tomatenkauf also zum Beispiel, ob die Tomaten aus Spanien oder die regionalen Tomaten gekauft werden sollen (ganz so klar ist das nämlich nicht). Wie die Ökobilanz der Tomaten im Detail ausfällt und welche Umweltauswirkungen dazu berücksichtigt werden sollten, zeigt der Beitrag «Die Tomate im Umwelt-Check».

Was sind Umweltbelastungspunkte?

Die Methode der ökologischen Knappheit berechnet die Umweltbelastung eines Produkts oder einer Aktivität, indem verschiedene Faktoren wie der Ressourcenverbrauch, Emissionen in die Luft, den Boden und das Wasser sowie der entstehende Abfall berücksichtigt werden. Die potenziellen Umweltauswirkungen für alle diese Faktoren werden berechnet und gemäss den aktuellen politischen Zielen in der Schweiz gewichtet. Die Masseinheit, mit der die Auswirkungen beziffert werden, sind die sogenannten Umweltbelastungspunkte (UBP). Je höher ein UBP-Wert, desto mehr belastet das Produkt oder die Aktivität die Umwelt. Mehr zu dieser Methode erfahren Sie im Artikel «Was ist eigentlich Umweltverschmutzung und wie wird sie gemessen?».

Worauf muss ich beim Interpretieren achten?

Um eine hohe Qualität von Ökobilanzen und deren Vergleichbarkeit untereinander sicherzustellen, hat die Internationale Organisation für Normen (ISO) zwei Normen dazu verfasst:

  • Die ISO-Norm 14040 bestimmt die Grundsätze und Rahmenbedingungen.

  • Die ISO-Norm 14044 definiert die Anforderungen für Ökobilanzen.

Generell sollten Ökobilanzen diesen ISO-Normen entsprechen, da sie dadurch vergleichbar sind. Doch auch wenn die Normen erfüllt sind, gibt es ein paar Faktoren zu beachten:

  • Methodik: Bei Vergleichen zwischen verschiedenen Studien muss die Methode beachtet werden. Verschiedene Methoden haben verschiedene Berechnungsarten und können deshalb nicht miteinander verglichen werden.

  • Schweizer Perspektive und Weiterentwicklung: Die Methode der ökologischen Knappheit mit Umweltbelastungspunkten, die oben erläutert wurde, ist auf die politischen Ziele der Schweiz abgestimmt. Deshalb sollte die Subjektivität bei der Interpretation der Resultate im Hinterkopf behalten werden. Das bedeutet, dass Resultate nach dieser Methode auch nicht vergleichbar sind mit Ökobilanzen anderer Länder. Und da diese Berechnungsmethode stets weiterentwickelt wird, sind Resultate aus unterschiedlichen Generationen der Methode ebenfalls nicht miteinander vergleichbar.

  • Systemgrenzen: Für einen fairen Vergleich von Studien ist es wichtig, dass diese die gleichen Systemgrenzen aufweisen. Ein Produkt A, bei dem der ganze Lebensweg in die Berechnung einfloss, lässt sich nicht mit einem Produkt B, bei dem beispielsweise die Umweltauswirkungen des Konsums nicht berücksichtigt wurden, vergleichen.

  • Kritisch bleiben: Wer sich mit den Umweltauswirkungen eines Produkts auseinandersetzt und eine Ökobilanz herbeizieht, sollte immer auf ihre Quelle achten und die Resultate stets kritisch hinterfragen.


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