22.06.2020

Dem Klimawandel mit mehr Natur begegnen

PUSCH-Tagung zu Biodiversität und Klimaanpassung

Obwohl die Corona-Pandemie derzeit das Weltgeschehen beherrscht, ist die Debatte um die Klimaerhitzung nicht eingeschlafen. Neben Massnahmen zur Erreichung der Klimaziele ist die Anpassung an die bereits eingetroffenen und weiterhin erwarteten klimatischen Veränderungen unabdingbar. Naturnahe Grünflächen in unseren Siedlungen verschaffen uns die nötige Kühlung und fördern gleichzeitig die Biodiversität.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in der Schweiz deutlich spürbar. Die Temperaturen sind hierzulande in den vergangenen 150 Jahren um knapp zwei Grad angestiegen. Gerade der vergangene Winter markierte einen neuen Rekord: Er war der mildeste seit Messbeginn. Jennifer Zimmermann, Leiterin Gemeindeangebote der Stiftung Pusch, erinnerte sich anlässlich der Online-Tagung «Dem Klimawandel mit mehr Natur begegnen» an ihre Kindheit, an die mächtigen Gletscherzungen beim Wandern, und betonte: «Ich möchte unsere Welt so bewahren, wie sie ist. Und trotzdem müssen wir uns an heissere und trockenere Sommer, mehr Stürme und Starkniederschläge anpassen.»

Ökologische Herausforderung auf mehreren Ebenen

Um der steigenden Hitzebelastung insbesondere im Siedlungsraum standhalten zu können, müssen Städte und Gemeinden effiziente Massnahmen ergreifen. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Die gute Nachricht: «Massnahmen zur Anpassung an die Klimaveränderungen können einen massgeblichen Beitrag zur – neben dem Klimawandel – zweiten grossen ökologischen Herausforderung leisten, zur schwindenden Biodiversität», ist Jennifer Zimmermann überzeugt. Denn die Natur hat einen kühlenden Effekt, den sich die immer dichter besiedelten Regionen zunutze machen können. Diesem Thema widmeten sich die Expertinnen und Experten an der Online-Tagung und sprachen über den dringlichen Handlungsbedarf in der Eindämmung der Klimaeffekte genauso wie in der Förderung der Biodiversität. Sie präsentierten und diskutierten unterschiedliche Lösungsansätze, mit denen beide Herausforderungen gleichzeitig angepackt werden können.

Grün kühlt – und stärkt die Artenvielfalt

«Im Schatten eines stattlichen Baumes ist die gefühlte Temperatur bis zu 15 Grad tiefer als rundherum», erklärte Thomas Baumann, Projektleiter Naturförderung beim Naturama Aargau und Gemeinderat von Suhr. Ausserdem seien von den Wurzeln bis in die Baumkrone bis zu 1200 Tier- und Pflanzenarten zuhause. Kühlung und Artenvielfalt gleichzeitig, eine Win-win-Situation. Und trotzdem gibt es im Siedlungsgebiet immer weniger Bäume. Die von Thomas Baumann vorgestellte Aktion Klimaoase, ein Pilotprojekt des Kantons Aargau im Rahmen des Forschungsprojekts «Anpassung an den Klimawandel» des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), setzt sich deshalb für die Pflanzung von Bäumen in Dörfern und Städten im Kanton Aargau ein. Doch die Zeit drängt: Gemäss Prognosen könnten je nach Klimaszenario in 40 Jahren im Mittelland klimatische Bedingungen wie heute in Süditalien herrschen. Bis ein Baum seine volle klimawirksame Leistung erbringen kann, dauert es etwa 30 bis 50 Jahre.

Ersatzlebensräume in der Höhe

Die kommunalen Behörden haben unzählige Aufgabengebiete zu bewältigen – bereits ohne die Bekämpfung des Klimawandels und die Bewältigung seiner Auswirkungen. «Das ist keine einfache Situation. Doch es ist eine wichtige Aufgabe, die man angehen muss», ist der Suhrer Gemeinderat überzeugt. Glücklicherweise ist die Palette an Handlungsmöglichkeiten der Städte und Gemeinden gross. Ob mit Massnahmenplänen, raumplanerischen Instrumenten oder konkreten Bauvorgaben, die Devise muss lauten: «Mehr Grün und Blau statt Grau.» In diesen Worten fasste Veronika Sutter, Energiestadt-Beraterin bei Amstein + Walthert, an der Tagung zusammen, woran sich Gemeinden bei ihren Massnahmen ausrichten sollten. «Wenn wir bei der Umsetzung auf eine naturnahe Ausgestaltung achten, schaffen wir neben dem Kühleffekt auch wichtigen Lebensraum», betonte sie. 

Einen Lösungsansatz für den stark verdichteten Siedlungsraum präsentierte Ursula Dürst, Projektleiterin bei Grün Stadt Zürich: die Gebäudebegrünung. «In der Stadt Zürich ist nur etwa ein Drittel der Flachdächer begrünt, und davon überzeugen längst nicht alle mit einer qualitativ hochstehenden Begrünung», gab sie zu bedenken. Insgesamt schätzt sie das Flächenpotenzial von Dachbegrünungen allein für Zürich auf rund 400 Hektaren. «Die Zahlen variieren zwar von Studie zu Studie, doch es hat sich gezeigt, dass die Oberflächentemperatur von begrünten Dächern bis zu 25 Grad tiefer ist als beispielsweise bei Bitumendächern.» Die kühlende Wirkung sei vor allem der Verdunstung zu verdanken, bei welcher der Umgebung Energie entzogen wird. Grün am Bau beschränkt sich jedoch nicht nur auf Dächer. Auch die Fassaden eignen sich für eine Begrünung mit kühlendem Effekt. Hier geht man von einer Reduktion der Oberflächentemperatur um 8 bis 19 Grad aus.

Neben ihrer Kühlwirkung für das Gebäude und die nähere Umgebung leisten Dach- und Fassadenbegrünungen einen wertvollen Beitrag an die Biodiversität im Siedlungsraum. Sie schaffen Lebensräume für Tiere und Pflanzen und vernetzen diese gleichzeitig untereinander – eine wichtige Funktion im Siedlungsraum, wo Tiere, die zwischen Lebensräumen wandern, viele Hindernisse zu überwinden haben. Begrünte Gebäude bieten Insekten Nahrung und Unterschlupf, Nischen für deren Eier oder Brutplätze für Vögel. Das Grün in der Höhe ist sozusagen Ersatzlebensraum für verloren gegangene Fläche am Boden. Der Vielfalt der Ausgestaltung scheinen zudem kaum Grenzen gesetzt zu sein, denn Dachbegrünungen können zum Beispiel mit Kleinstrukturen wie Asthaufen oder Wasserwannen ergänzt werden, wie Ursula Dürst aufzeigte. «Wichtig ist bei der Bepflanzung aber vor allem, dass auf einheimische Arten gesetzt wird, beim Saatgut wie auch bei den Pflanzen. Diese Pflanzen sind besser auf die hiesige Fauna abgestimmt. So funktioniert das Zusammenspiel am besten.»

Anpassen – aber richtig

Die Referentinnen und Referenten mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Lösungsansätzen waren sich an der interaktiven Online-Tagung von Pusch einig: Der Klimawandel ist eine Realität, welche die Schweiz überdurchschnittlich stark trifft. Obwohl für heutige Generationen die Senkung der Treibhausgasemissionen an oberster Stelle stehen muss, führt kein Weg an einer aktuellen Anpassung an die klimatischen Extreme vorbei. Die Referate und Workshops zeigten, dass biodiversitätsfördernde Massnahmen Kühlung in unsere Siedlungsgebiete bringen, einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten und gleichzeitig die Lebensqualität der Bevölkerung steigern. 


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Jennifer Zimmermann
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Nadine Siegle
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